Der Virologe Hendrik Streeck hat eine Debatte über den möglichen Therapieabbruch bei hochbetagten Menschen angestoßen und damit für erhebliche Diskussionen gesorgt. Er schlägt vor, bei über 80-Jährigen medizinische Behandlungen kritischer zu hinterfragen, falls diese keinen klaren Nutzen mehr für die Lebensqualität versprechen. Dadurch könnten, so seine Argumentation, die frei werdenden finanziellen Mittel im Gesundheitswesen für andere Bereiche genutzt werden.
Streecks Vorschlag zum Therapieabbruch bei Älteren
Der Kern von Streecks Überlegung ist, die Fortführung lebenserhaltender Maßnahmen bei sehr alten Patienten sorgfältiger abzuwägen. Wenn eine Therapie das Leiden nur noch verlängert, anstatt die Lebensqualität zu verbessern, sollte ein Abbruch in Betracht gezogen werden. Als Beispiel nannte er eine 93-jährige Patientin mit fortgeschrittener Demenz, die eine neue Herzklappe erhalten sollte, obwohl der Eingriff ihre Gesamtsituation kaum verbessert hätte.
Streeck betont, dass es ihm nicht darum gehe, Menschenleben gegeneinander aufzurechnen. Vielmehr solle eine offene gesellschaftliche Diskussion darüber geführt werden, was medizinisch machbar ist und was für den einzelnen Patienten tatsächlich sinnvoll erscheint. Er argumentiert, dass die eingesparten Gelder beispielsweise in die Pflege oder in die Behandlung jüngerer Menschen investiert werden könnten, wo sie eine größere Wirkung entfalten würden.
Hintergründe und Reaktionen auf die Forderung
Die Äußerungen des Virologen lösten umgehend heftige Reaktionen aus. Kritiker werfen ihm vor, eine gefährliche Debatte über den Wert des Lebens im Alter zu eröffnen. Die Deutsche Stiftung Patientenschutz warnte beispielsweise eindringlich vor einer Neiddebatte und der Gefahr, dass ältere Menschen unter Druck gesetzt werden könnten, auf notwendige Behandlungen zu verzichten. Der Vorstand der Stiftung, Eugen Brysch, betonte, dass die Würde des Menschen unantastbar sei und nicht von Kostenfragen abhängen dürfe.
Auch aus der Politik kam Widerspruch. Es wurde argumentiert, dass eine solche Diskussion ethische Grundprinzipien verletze. Allerdings gibt es auch Stimmen, die Streecks Vorstoß als wichtigen Anstoß für eine längst überfällige Debatte über die Grenzen der modernen Medizin sehen. Sie weisen darauf hin, dass eine Übertherapie am Lebensende für Patienten oft mehr Leid als Nutzen bedeute.
Die ethische Dimension der Debatte
Die Diskussion um einen möglichen Therapieabbruch bei Älteren berührt grundlegende ethische Fragen. Im Mittelpunkt steht das Spannungsfeld zwischen der ärztlichen Pflicht, Leben zu erhalten, und dem Recht des Patienten auf ein würdevolles Sterben. Während die moderne Medizin immer mehr Möglichkeiten bietet, das Leben zu verlängern, stellt sich zunehmend die Frage nach der Qualität dieses gewonnenen Lebensabschnitts.
Letztlich muss die Entscheidung über eine Behandlung immer individuell getroffen werden, wobei der Patientenwille eine zentrale Rolle spielt. Eine Patientenverfügung kann hierbei eine wichtige Orientierung bieten, denn sie dokumentiert die persönlichen Wünsche für den Fall, dass man sich selbst nicht mehr äußern kann. Die aktuelle Debatte unterstreicht daher die Notwendigkeit, sich frühzeitig mit diesen schwierigen Fragen auseinanderzusetzen.
