Diese besondere Stellung wird dadurch verstärkt, dass die US-Regierung kürzlich ihre Unterstützung für Bayer in einem entscheidenden Rechtsstreit signalisiert hat. Ein Grund dafür liegt in der nationalen Versorgungssicherheit. Sollte Bayer die Produktion einstellen, wären die amerikanischen Landwirte von Importen abhängig, insbesondere aus China. Angesichts der angespannten Handelsbeziehungen stellt dies ein politisch heikles Szenario dar, weshalb Agrarverbände vor steigenden Kosten und Risiken für die Lebensmittelproduktion warnen.
Warum Glyphosat für die USA so wichtig ist
Glyphosat ist ein sogenanntes Breitbandherbizid, also ein Unkrautvernichtungsmittel, das gegen sehr viele verschiedene Pflanzenarten wirkt. Seit seiner Einführung in den 1970er-Jahren ist es zu einem der weltweit am meisten genutzten Pflanzenschutzmittel geworden. Es ermöglicht moderne Anbaumethoden wie die pfluglose Bodenbearbeitung. Diese Methode schont den Boden, reduziert Erosion und senkt den Ausstoß von Treibhausgasen, weil weniger Maschinen eingesetzt werden müssen.
Ein weiterer entscheidender Faktor für die Bedeutung von Glyphosat für die USA ist eine kaum bekannte Tatsache: Bayer betreibt in Idaho eine der wichtigsten Phosphatminen des Landes. Aus dem dort geförderten Rohstoff wird weißer Phosphor gewonnen, eine chemische Grundsubstanz, die nicht nur für die Glyphosat-Produktion, sondern auch für zahlreiche andere Industrien essenziell ist. Dazu gehören die Herstellung von Medikamenten, Batteriematerialien und sogar militärische Anwendungen wie Rauchmunition. Das US-Innenministerium hat Phosphat daher als „kritisches Mineral“ eingestuft, was die strategische Relevanz von Bayers Aktivitäten unterstreicht.
Der Rechtsstreit und Bayers Strategie
Seit der Übernahme von Monsanto sieht sich Bayer mit einer Welle von Schadensersatzklagen in den USA konfrontiert. Kläger machen den glyphosathaltigen Unkrautvernichter Roundup für ihre Krebserkrankungen verantwortlich. Bayer weist diese Vorwürfe zurück und verweist auf zahlreiche wissenschaftliche Studien sowie die Einschätzungen von Regulierungsbehörden wie der US-Umweltbehörde EPA, die Glyphosat bei sachgemäßer Anwendung als sicher einstufen.
Die Rechtslage ist kompliziert, da Urteile unterer Instanzen widersprüchlich ausfielen. Bayers zentrale Strategie ist es daher, eine grundlegende Klärung durch den Supreme Court, das oberste Gericht der USA, herbeizuführen. Dabei geht es um die Frage, ob das Bundesrecht, nach dem die EPA keine spezielle Krebs-Warnung auf den Produkten vorschreibt, über der Gesetzgebung einzelner Bundesstaaten steht, die solche Warnhinweise fordern könnten. Die Unterstützung durch den Generalanwalt der US-Regierung hat die Chancen auf eine Annahme des Falls durch den Supreme Court deutlich erhöht.
Wirtschaftliche und politische Dimensionen
Die Causa Glyphosat ist längst mehr als nur ein Rechtsstreit; sie ist ein Politikum mit erheblicher wirtschaftlicher Tragweite. Die Landwirtschaft ist ein entscheidender Wirtschaftsfaktor in den USA, und der Einsatz von Herbiziden wie Glyphosat trägt maßgeblich zur Wertschöpfung und zur Sicherung von Arbeitsplätzen bei. Ein Wegfall der heimischen Produktion würde nicht nur die Landwirte treffen, sondern hätte auch Auswirkungen auf die gesamte Lieferkette und potenziell auf die Lebensmittelpreise.
Die Unterstützung der US-Regierung für Bayer kann somit als industriepolitischer Schachzug zur Sicherung nationaler Interessen verstanden werden. Es geht darum, eine Schlüsselindustrie im eigenen Land zu halten und die Abhängigkeit von globalen Wettbewerbern zu reduzieren. Während Bayer auf eine juristische Lösung zur Eindämmung der Klagewelle hinarbeitet, spielen im Hintergrund geopolitische und wirtschaftsstrategische Überlegungen eine entscheidende Rolle.
