Die Zweifel an Josh Kellys mentaler Stärke sind nicht theoretischer Natur, sondern stammen direkt aus dem Ring. Seine Fähigkeiten stehen außer Frage, doch die entscheidende Frage bleibt, wie Josh Kelly unter Druck agiert, wenn der Widerstand unerbittlich wird. Diese Schwäche könnte in seinem bevorstehenden Kampf gegen Bakhram Murtazaliev erneut zum Vorschein kommen.
Die Bedenken wurden maßgeblich durch Abass Baraou genährt, der ausgiebig mit Kelly gesparrt hat. Er stellte dabei weniger Kellys technisches Können infrage, sondern vielmehr dessen Reaktion auf unausweichlichen, physischen Druck. Diese Beobachtung ist nicht neu, denn sie hat einen deutlichen Präzedenzfall.
Die Niederlage gegen Avanesyan als warnendes Beispiel
Im Jahr 2021 zeigte sich diese Anfälligkeit deutlich bei seiner K.o.-Niederlage gegen David Avanesyan. In diesem Kampf versuchte Kelly, dem Druck durch ständige Bewegung auszuweichen. Vier Runden lang tanzte er auf den Zehenspitzen, umrundete seinen Gegner und vermied direkte Schlagabtäusche, wodurch er seine boxerische Klasse aufblitzen ließ.
Allerdings forderte das hohe Tempo seinen Tribut. Ab der fünften Runde verlangsamte sich seine Bewegung sichtlich, weshalb er anfing zu klammern, um sich Pausen zu verschaffen. Sobald Avanesyan jedoch die Möglichkeit erhielt, aus der Nahdistanz zu arbeiten, wendete sich das Blatt des Kampfes dramatisch.
Kurze, harte Schläge fanden nun ihr Ziel, während Kellys Gesicht schnell Schwellungen und blutige Spuren aufwies. In der sechsten Runde wirkte er körperlich und mental erschöpft, unfähig, sich neu zu sortieren. Sein Widerstand war gebrochen, was schließlich zum Kampfabbruch führte.
Bakhram Murtazaliev: Eine noch härtere Prüfung
Dieser Kampf ist heute relevanter denn je, denn Bakhram Murtazaliev stellt eine noch gravierendere Version desselben Problems dar. Murtazaliev übt Druck aus, ohne dafür ein hohes Schlagvolumen zu benötigen, und bestraft Ermüdungserscheinungen des Gegners mit beiden Händen. Seine Stärke ist eine zermürbende physische Präsenz.
Sein beeindruckender Knockout-Sieg gegen Tim Tszyu am 19. Oktober 2024 war kein Ergebnis einer einzelnen Unachtsamkeit. Stattdessen resultierte er aus anhaltender Kraft, die Tszyu über drei Runden und vier Niederschläge systematisch zermürbte.
Murtazaliev hat seit diesem Kampf nicht mehr im Ring gestanden, was allerdings nicht seine Schuld war. Seine Karriere stagnierte, weil nur wenige Boxer bereit sind, sich ihm zu stellen. Für Josh Kelly macht diese lange Pause seinen Gegner jedoch nicht einfacher, sondern die Prüfung nur noch anspruchsvoller.
Talent allein entscheidet nicht über den Sieg
Dass Josh Kelly die technischen Fertigkeiten besitzt, um Runden aus der Distanz zu gewinnen, wurde nie bezweifelt. Die zentrale Frage ist vielmehr, ob er seine bewegungsintensive Taktik über volle zwölf Runden gegen einen schlagstärkeren Gegner als Avanesyan durchhalten kann. Er muss es schaffen, nicht in einen reinen Überlebensmodus zu verfallen.
Dieser Kampf wird daher nicht allein durch Talent entschieden. Vielmehr wird es darauf ankommen, wie lange Kelly dem Druck standhalten kann, bevor er sich ihm stellen muss. Seine Fähigkeit, auch in kritischen Momenten kühlen Kopf zu bewahren, wird über Sieg oder Niederlage bestimmen.
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