Der geplante schnelle Ausbau der Offshore-Windkraft in Deutschland stößt auf Hindernisse und kommt langsamer voran als erhofft. Obwohl die Windenergie auf See eine zentrale Säule der Energiewende darstellt, verschiebt sich der erwartete Boom. Branchenvertreter gehen mittlerweile davon aus, dass wichtige Ausbauziele erst mit einer Verzögerung von rund zwei Jahren erreicht werden.
Im vergangenen Jahr gingen vor der deutschen Küste lediglich 41 neue Offshore-Windanlagen ans Netz. Dieser Zuwachs bewegt sich auf einem niedrigen Niveau und verdeutlicht die aktuellen Herausforderungen. Die ursprüngliche Prognose, die installierte Leistung bis 2030 von rund 10 auf 30 Gigawatt (GW) zu verdreifachen, scheint daher nicht mehr haltbar zu sein. Ein Gigawatt ist eine Leistungseinheit, die einer Milliarde Watt entspricht und in etwa der Leistung eines großen Kernkraftwerksblocks gleichkommt.
Warum der Ausbau der Offshore-Windkraft stockt
Experten aus der Branche, wie Dennis Rendschmidt vom Maschinenbau-Verband VDMA, sehen die Verschiebung des Ziels auf das Jahr 2032 als verschmerzbar an, solange der Ausbau danach konsequent nachgeholt wird. Die Verzögerung hat allerdings tiefere Ursachen, die sowohl wirtschaftlicher als auch technischer Natur sind. Ein erneuter Einbruch in der Produktion, wie er 2013 zu massiven Arbeitsplatzverlusten führte, soll unbedingt vermieden werden.
Die langfristige Vision ist klar: In einem klimaneutralen Energiesystem soll die Offshore-Windenergie ein Viertel des gesamten Strombedarfs decken. Um dieses Ziel nicht zu gefährden, fordert die Branche dringend neue und verlässliche Rahmenbedingungen von der Politik.
Wirtschaftliche Hürden gefährden neue Projekte
Ein wesentliches Problem ist die veränderte Förderpolitik, denn sie stellt die Rentabilität neuer Windparks infrage. Früher wurden solche Projekte staatlich gefördert, doch inzwischen hat der Bund das System umgestellt. Nun müssen Unternehmen für den Zuschlag zum Bau eines Windparks auf Nord- oder Ostsee teils Milliardenbeträge zahlen, anstatt Subventionen zu erhalten.
Diese finanzielle Belastung schreckt potenzielle Investoren ab. Die Folge war, dass es in der jüngsten Ausschreibungsrunde keine einzigen Interessenten für die ausgeschriebenen Flächen gab. Dieses Ergebnis ist ein alarmierendes Signal für die Zukunft des Ausbaus der Offshore-Windkraft und unterstreicht den dringenden Handlungsbedarf.
Technische Herausforderungen und der Platzmangel auf See
Gleichzeitig wachsen die technischen Anforderungen stetig. Die neuen Windkraftanlagen, die fast ausnahmslos weit vor der Küste – mehr als 40 Kilometer westlich von Helgoland – entstehen, werden immer leistungsfähiger und größer. In den letzten fünf Jahren hat sich die Leistung einer einzelnen Turbine auf bis zu 13 Megawatt verdoppelt, während die Flügelspitzen Höhen von durchschnittlich 250 Metern erreichen.
Diese gewaltigen Dimensionen führen jedoch zu einem neuen Problem: dem sogenannten Abschattungseffekt. Wenn die Turbinen zu dicht beieinanderstehen, nehmen sie sich gegenseitig den Wind weg. Dadurch sinkt die Effizienz des gesamten Parks. Die Branche hat diesen Effekt nach eigenen Angaben lange unterschätzt, weshalb der Flächenbedarf für einen rentablen Betrieb nun deutlich größer ist als ursprünglich geplant.
Infrastruktur und Laufzeiten als weitere Bremsklötze
Zwei weitere Faktoren bremsen die Entwicklung zusätzlich. Zum einen sind die Betriebsgenehmigungen für die Windparks oft auf 20 Jahre begrenzt. Das bedeutet, dass bereits Ende dieses Jahrzehnts der Rückbau der ersten Anlagen ansteht, was weitere Kosten und logistischen Aufwand verursacht. Die Branche wünscht sich deshalb eine Verlängerung der möglichen Laufzeiten, um die Investitionen besser zu amortisieren.
Zum anderen fehlt es an ausreichend ausgebauten Hafenkapazitäten. Für den Bau und die Wartung der riesigen Anlagen sind spezialisierte Häfen wie Cuxhaven, Bremerhaven, Emden und das dänische Esbjerg unerlässlich. Der Bundesverband Windenergie (BWE) fordert daher eine stärkere finanzielle Beteiligung des Bundes am Ausbau dieser kritischen Infrastruktur, um den zukünftigen Anforderungen gerecht zu werden.
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