Die AfD in Sachsen-Anhalt sieht sich mit erheblichen Vorwürfen der Vetternwirtschaft konfrontiert, die besonders den Spitzenkandidaten zur Landtagswahl, Ulrich Siegmund, betreffen. Nachdem die Parteiführung zunächst versuchte, das Thema zu ignorieren, wuchs der interne und externe Druck, sodass sie nun Stellung bezieht. Die Debatte um die AfD Vetternwirtschaft Sachsen-Anhalt belastet den Wahlkampf der Partei, die bei der kommenden Wahl die absolute Mehrheit anstrebt.
Im Kern der Affäre steht die Anstellung von Ulrich Siegmunds Vater im Bundestagsbüro des AfD-Abgeordneten Thomas Korell. Eine Recherche des ZDF-Magazins „frontal“ hatte aufgedeckt, dass dieser dort für ein Monatsgehalt von 7.725 € beschäftigt sei. Siegmund bestätigte zwar die Anstellung, bezeichnete die genannte Gehaltssumme jedoch als veraltet und betonte, das tatsächliche Gehalt sei deutlich niedriger.
Brisant ist die Angelegenheit vor allem, weil Siegmund und Korell sich aus ihrer gemeinsamen Zeit in der AfD-Landtagsfraktion gut kennen. Korell war dort Abgeordneter, bevor er 2025 in den Bundestag wechselte. Dadurch entsteht der Eindruck, dass persönliche Beziehungen bei der Stellenvergabe eine entscheidende Rolle gespielt haben könnten.
Reaktionen der Parteispitze: Zwischen Abwehr und Rechtfertigung
Ulrich Siegmund selbst weist den Vorwurf einer persönlichen Einflussnahme entschieden von sich. Er argumentiert, Abgeordnete sollten ihr Team nach Kriterien wie Qualität, Vertrauen und Leistungsbereitschaft auswählen können. Die Entscheidung über die Einstellung habe allein bei Thomas Korell gelegen, der sich sein Personal eigenständig aussuche.
Unterstützung erhält Siegmund von weiteren führenden Parteimitgliedern. Oliver Kirchner, der zweite Fraktionsvorsitzende im Landtag, nannte die Vorwürfe „hanebüchenen Unfug“. Er spekulierte, Siegmund habe möglicherweise nicht einmal von der Bewerbung seines Vaters gewusst. Trotz dieser scharfen Zurückweisung kündigte Kirchner an, dass die Partei die Angelegenheit intern aufarbeiten und die Ergebnisse anschließend transparent machen werde.
Der Landesvorsitzende Martin Reichardt verteidigte die Anstellung von Angehörigen von Parteifreunden ebenfalls. Er begründete dies mit den Schwierigkeiten der AfD, geeignete Mitarbeiter zu finden. Das gesellschaftliche Klima und die „Hetze“ gegen die Partei würden viele potenzielle Bewerber abschrecken, weshalb man häufig auf ein vertrautes Umfeld zurückgreifen müsse. Allein die Bundestagsfraktion habe laut Reichardt derzeit 70 unbesetzte Stellen.
Kritik aus den eigenen Reihen und vom Bundesvorstand
Während die Landesspitze eine geschlossene Front bildet, wächst die Unruhe an der Parteibasis und im Bundesvorstand. Besorgte Mitglieder wandten sich in einem internen Brief an die Bundesspitze, da sie den Erfolg bei der Landtagswahl im September gefährdet sehen. Die größte Gefahr seien nicht die politischen Gegner, sondern „hausgemachte Skandale“.
Auch der Bundesvorsitzende Tino Chrupalla äußerte sich kritisch. Obwohl die Anstellung von Familienangehörigen anderer Parteikollegen rechtlich nicht zu beanstanden sei, habe das Ganze ein „Geschmäckle“. Wenig später geriet Chrupalla allerdings selbst in die Kritik, als Recherchen von MDR INVESTIGATIV offenlegten, dass er seit Jahren die Ehefrau eines sächsischen AfD-Landtagsabgeordneten beschäftigt.
Hannes Loth, AfD-Bürgermeister von Raguhn-Jeßnitz, bezeichnete die Vorgänge zunächst als „Schlag ins Gesicht für alle Mitglieder an der Basis“. Später äußerte er sich milder, forderte aber dennoch eine lückenlose Aufklärung. Er argumentierte, dass Siegmund seinen Vater nicht in der eigenen Fraktion angestellt habe, was den Fall anders bewerte.
AfD Vetternwirtschaft Sachsen-Anhalt: Interne Aufarbeitung angekündigt
Als Reaktion auf den anhaltenden Druck plant die AfD Sachsen-Anhalt nun konkrete Schritte. Auf der nächsten Landesvorstandssitzung soll eine Kommission eingesetzt werden, die alle Beschäftigungsverhältnisse innerhalb der Partei genau untersuchen wird. Dieser Schritt soll für Transparenz sorgen und das Vertrauen der Wähler und Mitglieder zurückgewinnen.
Landeschef Reichardt versicherte, dass man die Ergebnisse der Prüfung ergebnisoffen bewerten werde. Wo es notwendig sei, würden auch personelle oder strukturelle Änderungen vorgenommen. Damit signalisiert die Partei, dass sie die Vorwürfe ernst nimmt und bereit ist, Konsequenzen zu ziehen, um weiteren Schaden abzuwenden.
Mögliche Folgen für den Landtagswahlkampf
Die Affäre kommt für die AfD zu einem strategisch äußerst ungünstigen Zeitpunkt. Die Partei hat für die Landtagswahl das ambitionierte Ziel ausgegeben, die absolute Mehrheit zu erringen. Aktuelle Umfragen sehen die AfD zwar bei starken Werten um die 40 Prozent, doch für eine alleinige Regierung reicht das bei Weitem nicht aus.
Daher ist Spitzenkandidat Siegmund darauf angewiesen, auch unentschlossene Wähler zu überzeugen. Eine öffentliche Debatte über Vetternwirtschaft und mangelnde Transparenz ist dabei nicht hilfreich, denn sie untergräbt die Glaubwürdigkeit der Partei. Der Skandal könnte potenzielle Wähler abschrecken und das angestrebte Wahlergebnis somit erheblich gefährden.
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