Salzwassereinstrom Ostsee – So wirkt die Frischzellenkur

Anhaltende Ostwinde haben den Wasserstand der Ostsee auf ein historisches Tief gedrückt, wodurch sich nun eine seltene Gelegenheit für das Ökosystem bietet. Forscher beobachten die Wetterlage gespannt, denn eine Winddrehung könnte einen massiven Salzwassereinstrom Ostsee auslösen. Ein solches Ereignis wäre eine lebenswichtige Frischzellenkur für die sauerstoffarmen Tiefenbereiche des Binnenmeeres und könnte die Lebensbedingungen für Fische und andere Organismen entscheidend verbessern.

In den vergangenen Wochen hat der Wind große Wassermengen aus der Ostsee durch die Meerengen zwischen Dänemark, Schweden und Deutschland in die Nordsee gedrückt. Dieser Effekt hat zu einem der niedrigsten Pegelstände seit Beginn der regelmäßigen Aufzeichnungen vor rund 140 Jahren geführt. Laut dem Leibniz-Institut für Ostseeforschung (IOW) wurden ähnlich niedrige Werte bisher nur in sehr wenigen Jahren registriert, was die aktuelle Situation zu einem außergewöhnlichen Naturphänomen macht.

Wie ein Salzwassereinstrom in die Ostsee funktioniert

Die Ostsee ist ein sogenanntes Binnenmeer mit nur einer schmalen Verbindung zum salzreicheren Atlantik über die Nordsee. Ihr Wasser ist daher deutlich salzärmer, weshalb man von Brackwasser spricht. Das aus der Nordsee stammende Wasser ist nicht nur salziger, sondern auch dichter und schwerer als das Ostseewasser. Wenn nun starke Westwinde einsetzen, drücken sie dieses dichte Nordseewasser mit erheblichem Druck zurück in die Ostsee.

Dabei muss das einströmende Wasser eine natürliche Barriere überwinden: die sogenannte Darßer Schwelle. Dies ist eine Art Unterwassergebirge zwischen Deutschland und Dänemark. Nur wenn der Wind stark und langanhaltend genug ist, kann eine ausreichende Menge des schweren Salzwassers über diese Schwelle gelangen. Anschließend fließt es aufgrund seiner höheren Dichte am Meeresgrund entlang und kann so bis in die zentralen, tiefen Becken der Ostsee vordringen.

Wissenschaftler des IOW gehen davon aus, dass es dafür etwa drei Wochen lang kräftige Westwinde bräuchte. Kurze Stürme oder eine schwache Westwindlage würden nicht ausreichen, um einen ökologisch bedeutsamen Einstrom zu bewirken. Die Hoffnung der Forscher stützt sich auf historische Daten, denn in der Vergangenheit folgten auf ähnlich extreme Tiefstände häufig große Salzwassereinbrüche, während die jetzige Jahreszeit ohnehin für starke Stürme bekannt ist.

Warum der Salzwassereinstrom Ostsee so wichtig ist

Die tiefen Becken der Ostsee leiden seit Jahrzehnten unter einem chronischen Sauerstoffmangel. Dieses Problem entsteht durch die stabile Schichtung des Wassers: Leichteres, salzärmeres Oberflächenwasser vermischt sich kaum mit dem dichteren, salzigeren Tiefenwasser. Dadurch gelangt der an der Oberfläche durch Wind und Wellen eingetragene Sauerstoff nicht in die Tiefe. Dort wird der vorhandene Sauerstoff durch den Abbau von abgestorbenem organischem Material, wie Algen, von Mikroben restlos verbraucht.

Ein starker Salzwassereinstrom Ostsee wirkt wie eine natürliche Belüftungsanlage. Das sauerstoffreiche Nordseewasser verdrängt das alte, sauerstoffarme Wasser am Grund und versorgt die Tiefenregionen wieder mit lebensnotwendigem Sauerstoff. Viele Fischarten, allen voran der Dorsch, sind für die Fortpflanzung auf diese sauerstoffreichen Zonen angewiesen. Fehlt der Sauerstoff, werden riesige Areale der Ostsee zu sogenannten Todeszonen, in denen höhere Lebewesen nicht mehr überleben können.

Zusätzlich bringt der Einstrom einen weiteren positiven Effekt mit sich. Er könnte die seit etwa zwei Jahrzehnten zu hohen Temperaturen im Tiefenwasser der zentralen Ostseebecken senken. Kühleres Wasser verlangsamt die Aktivität der sauerstoffzehrenden Mikroben, was den Sauerstoffhaushalt zusätzlich stabilisiert und die Lebensgrundlagen für die Meeresfauna nachhaltig verbessert.

Aktuelle Lage und wissenschaftliche Beobachtung

Die aktuellen Messdaten bestätigen das Ausmaß des Wasserverlusts. Am schwedischen Pegel Landsort-Norra wurden Werte gemessen, die seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1886 beispiellos sind. Berechnungen des IOW zufolge fehlen der Ostsee derzeit rund 275 Kubikkilometer Wasser. Dennoch besteht kein Grund zur Sorge, dass das Meer leerlaufen könnte, da sich die Wasserstände von Ost- und Nordsee irgendwann ausgleichen.

Um das mögliche bevorstehende Ereignis genau zu dokumentieren, sind die Forscher des IOW in den kommenden Wochen aktiv im Einsatz. Mit ihrem Forschungsschiff „Elisabeth Mann Borgese“ werden sie an strategisch wichtigen Punkten wie der Darßer Schwelle den Salzgehalt und weitere ozeanografische Daten messen. Diese Messungen sind entscheidend, um zu bewerten, ob ein potenzieller Einstrom stark genug ist, um die tiefen Becken der zentralen Ostsee zu erreichen und dort seine positive ökologische Wirkung zu entfalten.

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