Vor zwei Jahrzehnten erschütterte der erste Ausbruch der Vogelgrippe Deutschland, als das Virus auf der Insel Rügen nachgewiesen wurde. Seitdem ist die Geflügelpest zu einer ständigen Bedrohung für Landwirte geworden, weshalb heute intensiv über Impfungen als neue Strategie diskutiert wird. Obwohl die befürchtete Übertragung auf den Menschen bisher ausblieb, bleiben die wirtschaftlichen und emotionalen Belastungen enorm.
Der Schock von 2006: Rügen wird zum Epizentrum
Für Geflügelhalter wie Holger Kliewe aus Mursewiek auf Rügen bleibt der Februar 2006 eine schmerzhafte Erinnerung. Damals wurden nur wenige Kilometer von seinem Hof entfernt tote Schwäne gefunden, woraufhin die Behörden eine drastische Maßnahme anordneten. Sein gesamter Bestand von 2.000 Enten, Hühnern und Gänsen musste vorsorglich gekeult werden, also getötet werden, um eine weitere Ausbreitung der Seuche zu verhindern.
Sechs Tage nach dem Fund der Wildvögel bestätigte das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) den Verdacht: Die Tiere waren mit dem hochpathogenen Erreger H5N1 infiziert. Dieses Virus hatte in Asien bereits Millionen von Geflügeltieren das Leben gekostet und war auch für fast 500 Todesfälle bei Menschen verantwortlich. Dadurch verwandelte sich Rügen innerhalb kürzester Zeit in einen medialen Hotspot, während die Behörden mit Seuchenmatten und der Organisation von Schutzausrüstung reagierten.
Die Keulung seines gesunden Bestandes war für Holger Kliewe nicht nur eine emotionale Katastrophe, sondern auch eine existenzielle Bedrohung. Der Landwirt erzielte rund 80 % seiner Einnahmen aus der Geflügelhaltung, weshalb sein Betrieb plötzlich vor dem Aus stand. Diese Ereignisse zeigen eindrücklich die weitreichenden Folgen eines einzigen Ausbruchs.
Das H5N1-Virus und die Angst vor einer Pandemie
Die damalige Situation löste eine spürbare Nervosität aus, wie sich auch Professor Martin Beer, der heutige Vizepräsident des FLI, erinnert. Zwar war die Geflügelpest keine neue Krankheit, allerdings besaß der H5N1-Erreger eine neue, besorgniserregende Qualität. Er ging auf ein Virus aus dem Jahr 1996 zurück, das bereits 1997 in Hongkong erstmals Menschen infiziert und getötet hatte.
Aufgrund dieser Vorgeschichte war die Sorge groß, dass sich das Virus auch in Europa auf den Menschen ausbreiten könnte. Die Behörden reagierten daher mit maximaler Vorsicht, um eine Pandemie zu verhindern. Der Erreger verbreitete sich dennoch schnell in der Wildvogelpopulation und erreichte bald auch das deutsche Festland.
Im April 2006 wurde erstmals ein Geflügelbetrieb in Sachsen getroffen, wo 14.000 Tiere getötet werden mussten. Dieses Ereignis markierte den Beginn einer neuen Realität für die deutsche Landwirtschaft, in der die Vogelgrippe in Deutschland zu einem dauerhaften Begleiter wurde.
Die aktuelle Lage: Eine ständige Bedrohung
Zwanzig Jahre später hat sich das H5N1-Virus fest in der heimischen Wildvogelpopulation etabliert. Für Geflügelbetriebe bedeutet dies ein permanentes Risiko, besonders für solche mit Freilandhaltung. Allein im vergangenen Herbst und Winter mussten laut FLI bundesweit mehr als drei Millionen Tiere gekeult werden.
In Mecklenburg-Vorpommern gab es seit 2006 insgesamt 168 Ausbrüche, die einen wirtschaftlichen Schaden von rund 14,5 Millionen Euro verursachten. Jeder einzelne Ausbruch stellt für die betroffenen Betriebe einen schweren Einschnitt dar und ist mit erheblichen ethischen Fragen verbunden, da Tausende gesunde Tiere aus Vorsorgegründen getötet werden müssen.
Risiko für den Menschen und neue Virusvarianten
Die große Befürchtung einer massenhaften Übertragung auf den Menschen hat sich glücklicherweise nicht bewahrheitet. Professor Beer erklärt, dass sich ab 2016 eine neue genetische Variante des Virus global durchsetzte. Diese Variante kann Wildvögel zwar leichter infizieren und hat sich dadurch bis nach Nord- und Südamerika ausgebreitet, führt aber gleichzeitig zu deutlich weniger Infektionen beim Menschen.
Tatsächlich wurde in Deutschland bisher kein einziger Fall einer H5-Infektion bei einem Menschen registriert. Dennoch ist weiterhin Vorsicht geboten, denn das Virus zeigt eine beunruhigende Anpassungsfähigkeit. Infektionen bei Säugetieren wie Robben oder Kühen belegen, dass der Erreger die Artengrenze überspringen kann, weshalb die Überwachung weiterhin höchste Priorität hat.
Impfung als Lösung? Die Debatte um eine neue Strategie
Angesichts der wiederkehrenden Ausbrüche und der massenhaften Keulungen fordern Geflügelhalter und Wirtschaftsverbände ein Umdenken. Silvia Ey, Geschäftsführerin des Geflügelwirtschaftsverbandes Mecklenburg-Vorpommern, betont, dass Impfungen eine sinnvolle Ergänzung zu den bestehenden Biosicherheitsmaßnahmen sein könnten. Die Bereitschaft zum Dialog mit der Politik sei vorhanden.
Auch Landwirtschaftsminister Till Backhaus (SPD) spricht sich für eine Neubewertung aus und hält es für an der Zeit, ernsthaft über Impfungen nachzudenken, um Tierbestände zu schützen. Er erwartet, dass der Bund noch in diesem Jahr die rechtlichen Weichen für eine Zulassung stellt. Landwirt Holger Kliewe verweist auf positive Erfahrungen in Frankreich, wo Gänse bereits erfolgreich geimpft werden – mit einem Impfstoff, der paradoxerweise in Deutschland entwickelt wurde.
Für ihn ist die Tötung von Millionen Tieren ethisch nicht länger vertretbar, während ein wirksamer Impfstoff verfügbar ist. Die Forderung nach einer schnellen Zulassung wird daher immer lauter, um Landwirte zu schützen und das Tierleid zu beenden.
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