Auf dem Hof von Landwirt Holger Nöhrnberg in Stuhr herrscht wieder Leben. 850 Junghennen gackern im Stall und legen bereits erste Eier, nachdem monatelang eine bedrückende Stille geherrscht hatte. Dieser Neuanfang nach Vogelgrippe markiert das Ende einer schweren Zeit, denn im Oktober 2025 traf die Geflügelpest seinen Betrieb im Landkreis Diepholz mit voller Wucht.
Damals wurden seine gesamten 1.100 Hennen auf behördliche Anordnung gekeult. Der Landwirt beschreibt die vorherige Situation als gravierend und emotional belastend. Nun blickt er jedoch wieder hoffnungsvoller in die Zukunft.
Der Ausbruch der Geflügelpest: Ein Betrieb im Ausnahmezustand
Mitte Oktober 2025 bemerkte der Landwirt ein ungewöhnlich passives und lethargisches Verhalten bei seinen Hennen. Er schaltete umgehend einen Tierarzt und das zuständige Veterinäramt ein. Die Untersuchung brachte schnell die traurige Gewissheit: Sein Hof war als erster im Landkreis Diepholz von der Geflügelpest betroffen.
Die Geflügelpest, auch als Vogelgrippe oder aviäre Influenza bekannt, ist eine hochansteckende Viruserkrankung, die vor allem bei Vögeln zu schweren Krankheitsverläufen und hohen Todesraten führt. Daraufhin ordneten die Behörden drastische Maßnahmen an, um eine weitere Ausbreitung des Virus zu verhindern. Dazu gehörten:
- Die Tötung (Keulung) des gesamten Tierbestandes.
- Eine mehrfache, aufwendige Desinfektion aller Ställe durch Spezialfirmen.
- Die Einrichtung einer Schutz- und Überwachungszone rund um den betroffenen Hof.
Obwohl das Friedrich-Loeffler-Institut derzeit von zurückgehenden Infektionszahlen spricht, geben Experten noch keine Entwarnung. Das Risiko für neue Ausbrüche in Niedersachsen wird weiterhin als hoch eingeschätzt.
Wirtschaftliche Folgen und der Kampf um Entschädigung
Für Holger Nöhrnberg, der seine Eier in der Direktvermarktung verkauft, bedeutete der Verlust seiner Tiere einen wirtschaftlichen Totalausfall. Ohne Hennen gibt es keine Eier und somit auch keine Einnahmen, wodurch seine Existenz bedroht war. Zwar übernahm die Tierseuchenkasse die Kosten für die Keulung und die Desinfektion in Höhe von über 10.000 €, doch die Entschädigung für die Tiere selbst sorgt für Unzufriedenheit.
Die Tierseuchenkasse bot ihm 35 Cent pro Kilogramm Henne an. Bei einem durchschnittlichen Gewicht von 1,2 bis 1,5 Kilogramm entspricht das nur etwa 50 Cent pro Tier. Nöhrnberg kritisiert dieses Angebot scharf, da es in keinem Verhältnis zum tatsächlichen Wert stehe. Er argumentiert, dass er für die Tiere selbst nach ihrer Legeperiode als Suppenhühner noch rund zehn Euro pro Stück hätte erzielen können.
Der Fall von Holger Nöhrnberg ist kein Einzelfall. Seit Herbst 2025 hat die Vogelgrippe in Niedersachsen nach vorläufigen Berechnungen der Tierseuchenkasse Kosten von rund 36 Millionen Euro verursacht. Diese Summe umfasst sowohl Entschädigungszahlungen als auch die Kosten für die Tötung und Beseitigung der infizierten Tiere. Laut einer Sprecherin richtet sich die Höhe der Entschädigung grundsätzlich nach dem Verkehrs- und Verkaufswert der Tiere vor der Infektion.
Ein Neuanfang nach Vogelgrippe dank Solidarität
Trotz der finanziellen Unsicherheiten war Aufgeben für Holger Nöhrnberg keine Option. Eine entscheidende Hilfe kam dabei von einer unerwarteten Seite. Treue Kunden riefen im Internet eine Spendenaktion ins Leben, wodurch mehr als 13.000 € zusammenkamen. Diese Welle der Solidarität war ein wichtiges Signal für den Landwirt, weiterzumachen.
Diese finanzielle Unterstützung ermöglichte es ihm, die monatelange Durststrecke zu überbrücken und den Neuanfang zu wagen. Mit dem Kauf der 850 Junghennen kann er sein Eiergeschäft nun wieder aufnehmen und seinen Hof mit Leben füllen.
Blick in die Zukunft: Zwischen Optimismus und Risiko
Mit den neuen Tieren blickt Holger Nöhrnberg wieder optimistischer in die Zukunft. Er hat erneut ein Bio-Zertifikat beantragt, was unter anderem den Freilauf für die Hühner vorschreibt. Diese Anforderung birgt jedoch ein gewisses Risiko, da Wildvögel in unmittelbarer Nähe leben und als potenzielle Überträger des Virus gelten.
Der Landwirt bleibt dennoch zuversichtlich und argumentiert, dass das Zusammenleben mit Wildvögeln zehn Jahre lang ohne Probleme funktioniert habe. Allerdings ist die Lage in Niedersachsen weiterhin angespannt. Seit Oktober 2025 wurden landesweit mehr als 1,5 Millionen Vögel in rund 90 Betrieben getötet. Das Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (LAVES) schätzt das Infektionsrisiko nach wie vor als hoch ein, weshalb in mehreren Landkreisen weiterhin Sperrzonen bestehen.
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