Ein landesweiter Streik im öffentlichen Dienst in Niedersachsen und Bremen legt heute weite Teile des öffentlichen Lebens lahm. Die Gewerkschaft ver.di hat die Beschäftigten zu einem zentralen Ausstand aufgerufen, um den Druck auf die Arbeitgeber vor der nächsten Tarifrunde zu erhöhen. Die Folgen sind bereits jetzt in Kliniken, im Straßenverkehr und bei den Hafendiensten deutlich spürbar, weshalb Bürgerinnen und Bürger mit erheblichen Einschränkungen rechnen müssen.
Dieser koordinierte Ausstand ist der erste seiner Art im laufenden Tarifkonflikt, denn er betrifft erstmalig alle Bereiche am selben Tag. Neben ver.di beteiligen sich auch die Gewerkschaft der Polizei (GdP), die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sowie die IG Bau an den Aktionen. Damit wollen die Arbeitnehmervertretungen ein starkes Signal der Entschlossenheit senden, kurz bevor die Verhandlungen in die entscheidende Phase gehen.
Die Hintergründe des Tarifkonflikts
Im Kern des Konflikts stehen die Forderungen der Gewerkschaften für die mehr als 280.000 Beschäftigten im öffentlichen Dienst der Länder in Niedersachsen und Bremen. Ver.di fordert eine Gehaltserhöhung von sieben Prozent, mindestens aber 300 € mehr pro Monat. Diese Forderung begründet die Gewerkschaft mit der hohen Inflation und dem Ziel, die Kaufkraft der Angestellten zu sichern und die Attraktivität des öffentlichen Dienstes zu erhalten.
Die Arbeitgeberseite, vertreten durch die Tarifgemeinschaft deutscher Länder (TdL), hat diese Forderungen bisher als überzogen zurückgewiesen. Sie verweist dabei auf die knappen Haushaltskassen der Länder und die bereits angespannte finanzielle Lage. Die bevorstehende dritte Verhandlungsrunde in Potsdam, die für drei Tage angesetzt ist, soll nun eine Einigung bringen, während der heutige Streik die Position der Gewerkschaften untermauern soll.
Diese Auswirkungen hat der Streik im öffentlichen Dienst in Niedersachsen
Die Arbeitsniederlegungen führen zu erheblichen Störungen im Alltag. Besonders der Verkehr ist stark betroffen, da Mitarbeitende der Landesstraßenbauverwaltungen ebenfalls streiken. Dies hat zur Folge, dass wichtige Verkehrsachsen blockiert oder nur eingeschränkt befahrbar sind. Die Sperrungen sollen den gesamten Tag, also von 0:00 Uhr bis 24:00 Uhr, andauern.
Folgende Brücken und Tunnel sind laut Ankündigung von ver.di von den Maßnahmen betroffen:
- Der Tunnel Bovenden und der Butterbergtunnel in Osterode (beide Landkreis Göttingen)
- Der Hasselkopftunnel in Braunlage (Landkreis Goslar)
- Die Jann-Berghaus-Brücke (B 436) in Leer, wobei Fußgänger und Radfahrer passieren dürfen
- Die Schwingeklappbrücke in Stade
- Der Wesertunnel zwischen den Landkreisen Wesermarsch und Cuxhaven, wo eine Fahrbahn in Richtung A27 halbseitig gesperrt und die Geschwindigkeit in beide Richtungen auf 60 km/h gedrosselt wird
Autofahrer müssen daher mit langen Staus und erheblichen Umwegen rechnen und sollten, wenn möglich, die betroffenen Gebiete meiden oder auf alternative Verkehrsmittel umsteigen.
Einschränkungen bei Winterdienst und in Kliniken
Auch der Winterdienst ist von dem Streik betroffen, insbesondere im nordöstlichen Niedersachsen. Die Landkreise Lüneburg, Lüchow-Dannenberg, Harburg und Uelzen müssen mit Verzögerungen bei der Räumung und Streuung der Straßen rechnen. Obwohl Fremdfirmen beauftragt wurden, den Winterdienst zu übernehmen, kann es laut der Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr länger dauern als gewohnt, bis die Straßen sicher befahrbar sind.
Darüber hinaus wirkt sich der Ausstand auf die medizinische Versorgung aus. Die beiden Unikliniken des Landes, die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) und die Universitätsmedizin Göttingen (UMG), nehmen am Warnstreiktag teil. Beide Kliniken haben jedoch versichert, dass die Versorgung aller Notfallpatientinnen und -patienten jederzeit gewährleistet ist. Planbare Eingriffe und Termine könnten allerdings verschoben werden, weshalb Patienten sich vorab informieren sollten.
Kundgebungen als Zeichen des Protests
Um ihren Forderungen öffentlich Nachdruck zu verleihen, sind zentrale Kundgebungen in Hannover und Bremen geplant. In Hannover versammeln sich die Streikenden ab 10:00 Uhr auf dem Schützenplatz. Anschließend ist ein Demonstrationszug zum Niedersächsischen Landtag geplant, wo ab 11:30 Uhr Reden gehalten werden sollen.
In Bremen findet eine zentrale Kundgebung um 11:45 Uhr vor dem Sitz des Finanzsenators statt. Durch diese Aktionen wollen die Gewerkschaften nicht nur die Arbeitgeber, sondern auch die politische Öffentlichkeit auf ihre Anliegen aufmerksam machen und die Solidarität unter den Beschäftigten demonstrieren.
Was genau ist ein Warnstreik?
Bei den aktuellen Arbeitsniederlegungen handelt es sich um sogenannte Warnstreiks. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) definiert diese als vorwiegend kurzfristige Maßnahmen, die sich über wenige Stunden oder einzelne Schichten erstrecken können. Das primäre Ziel eines Warnstreiks ist es, den Arbeitgebern die Kampfbereitschaft und Mobilisierungsfähigkeit der Belegschaft zu demonstrieren, ohne die Verhandlungen sofort für gescheitert zu erklären.
Obwohl sich Warnstreiks in der Praxis manchmal über mehrere Tage ziehen, gibt es einen formalen Unterschied zu einem regulären Streik. Ein solcher „echter“ Streik erfordert zwei Voraussetzungen: Die Tarifverhandlungen müssen offiziell für gescheitert erklärt werden, und die Gewerkschaftsmitglieder müssen in einer Urabstimmung, einer internen Abstimmung, mehrheitlich für den Streik votieren. Juristisch gesehen macht das Bundesarbeitsgericht (BAG) in seiner Rechtsprechung allerdings keinen Unterschied zwischen den beiden Streikformen.
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