Kranichzug im Frühjahr: Darum sind die Vögel so früh zurück

Obwohl der Winter das Saarland noch im Griff hat, kündigt sich der Frühling bereits am Himmel an. Schon Anfang Februar sind die ersten Kraniche in ihrer charakteristischen V-Formation auf dem Rückweg in ihre Brutgebiete zu sehen. Dieser frühe Kranichzug im Frühjahr überrascht selbst Experten, denn die Bedingungen im Norden sind alles andere als ideal.

Die trompetenartigen Rufe der Vögel sind für viele Menschen ein untrügliches Zeichen für das nahende Ende der kalten Jahreszeit. Aktuell ziehen die Kraniche in kleineren Gruppen von 15 bis 50 Tieren über das Land. Dieser Anblick wiederholt sich, ähnlich wie im Vorjahr, bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt im Kalender.

Früher Rückflug trotz Kälte im Norden

Günter Nowald, der das NABU-Erlebniszentrum Kranichwelten in Mecklenburg-Vorpommern leitet, zeigt sich erstaunt über das Verhalten der Vögel. Zwar ist der Zeitpunkt des Rückflugs nicht völlig ungewöhnlich, allerdings herrschen in den norddeutschen Brut- und Sommerquartieren seit Wochen Temperaturen unter dem Gefrierpunkt. Diese widrigen Umstände machen die Reise für die Kraniche zu einer echten Herausforderung.

In Regionen wie Mecklenburg-Vorpommern ist der Boden noch tiefgefroren, weshalb die Nahrungssuche für die ankommenden Vögel extrem schwierig ist. Normalerweise finden Kraniche ihre Nahrung auf Feldern und Wiesen. Da diese Flächen vereist sind, bleibt den Tieren kaum etwas zu fressen. Einzig einige Maisfelder, die im Herbst witterungsbedingt nicht vollständig abgeerntet wurden, bieten noch eine karge Nahrungsquelle.

Gründe für den verfrühten Kranichzug im Frühjahr

Trotz der schwierigen Versorgungslage sind bereits viele Kraniche in Norddeutschland eingetroffen. Anzeichen für hungernde Vögel gibt es bislang glücklicherweise nicht. Experten beobachten seit einigen Jahren einen klaren Trend, der mit den zunehmend milderen Wintern zusammenhängt. Dadurch wagen immer mehr Kraniche den Versuch, direkt in Deutschland zu überwintern, anstatt die lange und gefährliche Reise in den Süden anzutreten.

Während derzeit also nur kleinere Vorhuten unterwegs sind, erwartet Nowald den Höhepunkt des Rückzugs erst in der zweiten Märzhälfte. Dann werden voraussichtlich beeindruckende Formationen von mehreren hundert Vögeln gleichzeitig am Himmel zu sehen sein. Der jetzige frühe Zug ist demnach nur ein Vorgeschmack auf das große Naturschauspiel, das noch bevorsteht.

Die Auswirkungen der Vogelgrippe auf die Population

Ein ernstes Thema überschattet jedoch den diesjährigen Vogelzug: die Vogelgrippe. Im vergangenen Herbst grassierte die auch als Geflügelpest bekannte Krankheit und forderte zahlreiche Opfer unter den Kranichen. Allein in Deutschland verendeten nach offiziellen Angaben mehr als 20.000 Vögel, wobei die Dunkelziffer vermutlich weitaus höher liegt. Viele Tiere starben unbemerkt auf ihrer Zugroute.

Wie sich dieser erhebliche Verlust langfristig auf die gesamte Kranichpopulation auswirken wird, ist derzeit noch unklar. Ornithologen werden daher den diesjährigen Bruterfolg genau beobachten müssen, um die Folgen abschätzen zu können. Es wird sich zeigen, ob die Population die Verluste kompensieren kann.

Günter Nowald betont in diesem Zusammenhang einen wichtigen Punkt: Die Kraniche waren nicht die Verursacher der Seuchenverbreitung, sondern wurden selbst zu deren Opfern. Die Annahme, die Vögel seien für die Infektionen verantwortlich, ist nach seiner Aussage falsch. Vielmehr litten die Tiere unter dem Virus, das in der Wildvogelpopulation kursierte.

Was Vogelbeobachter jetzt erwarten können

Jährlich ziehen mehr als 400.000 Kraniche über Deutschland, was ein beeindruckendes Naturschauspiel darstellt. Wer die Vögel jetzt beobachten möchte, sollte den Himmel aufmerksam im Blick behalten und auf die typischen Rufe lauschen. Die aktuell kleinen Gruppen sind ein sicheres Zeichen dafür, dass der große Zug bald folgen wird.

Die Beobachtung zeigt, wie anpassungsfähig die Natur auf veränderte klimatische Bedingungen reagiert. Der verfrühte Rückflug ist somit nicht nur ein Frühlingsbote, sondern auch ein Indikator für die langfristigen Veränderungen in unserem Ökosystem. Der weitere Verlauf des Kranichzugs wird von Experten genau verfolgt, um mehr über das Verhalten dieser faszinierenden Vögel zu lernen.

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