Don Giovanni Chemnitz: So modern wird Mozarts Opern-Klassiker

An den Theatern Chemnitz feiert eine bemerkenswerte Neuinterpretation von Mozarts Opernklassiker Premiere. Der preisgekrönte Regisseur und Bühnenbildner Dennis Krauß, der kürzlich für seine Arbeit den Theaterpreis „Der Faust“ erhielt, inszeniert Don Giovanni in Chemnitz. Seine Vision bricht dabei bewusst mit Konventionen, indem sie soziale Hierarchien hinterfragt und die Fantasie des Publikums in den Mittelpunkt stellt.

Eine moderne Vision für Mozarts Klassiker

Dennis Krauß versteht „Don Giovanni“ als das, was es im Untertitel ist: ein „Dramma giocoso“, also ein heiteres Drama. Die Handlung spielt ursprünglich im streng katholischen Sevilla des 16. Jahrhunderts, einer Welt mit klar definierten gesellschaftlichen Strukturen. Genau hier setzt die Inszenierung an, denn Don Giovanni fungiert als Störfaktor, der dieses geordnete System durcheinanderwirbelt.

Zu Beginn der Oper sind die gesellschaftlichen Stände strikt voneinander getrennt. Auf der einen Seite steht die Oberschicht, repräsentiert durch Figuren wie Donna Anna und Don Ottavio, während auf der anderen Seite die einfache Bauernschicht existiert. Krauß beschreibt diese Anordnung als eine Art Planetensystem, in dem jeder seinen festen Platz hat. Don Giovanni durchbricht diese Ordnung jedoch, weshalb am Ende Bäuerinnen und Bauern gemeinsam mit Adligen das große Schluss-Sextett singen.

Diese Zusammenführung von Charakteren, die anfangs keine Berührungspunkte hatten, ist der Kernpunkt der Inszenierung. Die Bühne visualisiert diese Idee durch konzentrische Kreise und geschwungene Treppen, die das starre soziale Gefüge symbolisieren, das durch die Hauptfigur aufgebrochen wird.

Die Bühne als Raum der Fantasie

Ein Markenzeichen von Dennis Krauß ist seine minimalistische Bühnenästhetik, die auch bei Don Giovanni in Chemnitz zum Tragen kommt. Statt realistischer Kulissen setzt er auf offene Räume, klare Farbflächen wie Rot und Blau sowie sichtbare Bühnenmechanik. Dieser Ansatz unterstreicht, dass Theater nicht die Wirklichkeit abbildet, sondern ein Ort der Vorstellungskraft ist.

Krauß geht mit dieser Künstlichkeit bewusst ehrlich um, denn er zeigt dem Publikum, dass alles nur Kulisse ist. Dadurch entsteht kein direkter Verweis auf die reale Welt, sondern vielmehr eine Einladung, die Geschichte in der eigenen Fantasie entstehen zu lassen. Die Darsteller agieren in diesem reduzierten Raum und tragen somit die gesamte Verantwortung für die Figurenentwicklung und die emotionale Wirkung des Abends.

Ein konkretes Beispiel ist die berühmte Szene „Là ci darem la mano“, in der Don Giovanni die Bäuerin Zerlina verführt. Anstatt ein prunkvolles Schloss zu zeigen, entsteht dieses Bild allein durch das präzise Spiel und die staunende Reaktion der Darsteller. Im besten Fall teilt das Publikum diese Fantasie und füllt sie mit eigenen Erfahrungen, wodurch eine tiefere und persönlichere Verbindung zum Stück entsteht.

Choreografie, die Musik sichtbar macht

Bewegung und Choreografie sind zentrale Elemente in Krauß‘ Arbeiten. Da die Zuschauer in einem Opernhaus oft weit von der Bühne entfernt sitzen, ist es ihm wichtig, einen demokratischen Raum zu schaffen. Das bedeutet, dass die Handlung und die Emotionen für jeden im Saal, von der ersten bis zur letzten Reihe, gleichermaßen verständlich sein müssen.

Die Aktionen der Darsteller sind daher klar und präzise gestaltet, damit keine Details verloren gehen. Insbesondere in der Oper kommt der Musik eine entscheidende Rolle zu, denn sie beglaubigt und emotionalisiert das Geschehen auf der Bühne. Die Choreografie ist deshalb eng mit dem Rhythmus der Musik verknüpft, wodurch die musikalischen Strukturen und Stimmungen auch visuell erlebbar werden.

Der Regisseur und die Premiere: Ein bewusster Abstand

Eine Besonderheit des Regisseurs ist seine Abwesenheit bei den Premieren seiner Stücke. Er verabschiedet sich vor der Vorstellung vom Ensemble, schaut sich den Abend selbst aber bewusst nicht an. Dieser Moment markiert für ihn den Abschluss seiner Arbeit und den Zeitpunkt, an dem er die Kontrolle abgeben muss.

Er möchte den Premierenabend nicht damit verbringen, über mögliche Fehler oder verpasste Gelegenheiten nachzudenken. Stattdessen vertraut er auf das Team und die Reaktionen des Publikums. Zur kritischen Auseinandersetzung mit seiner Arbeit nutzt er stattdessen eine Videoaufzeichnung, die er sich einige Wochen später ansieht. Dies ermöglicht ihm eine distanzierte Analyse, um daraus für zukünftige Projekte zu lernen.

„Don Giovanni“ in Chemnitz: Termine und Besetzung

Die Neuinszenierung verspricht einen spannenden Theaterabend. Die wichtigsten kreativen Köpfe und die weiteren Aufführungstermine sind:

  • Musikalische Leitung: Maximilian Otto
  • Inszenierung und Bühne: Dennis Krauß
  • Choreografie: Maria Ollé Herce
  • Kostüme: Christina Geiger
  • Chor: Stefan Bilz
  • Dramaturgie: Carla Neppl

Weitere Aufführungen finden an folgenden Terminen statt:

  • Samstag, 14. Februar 2026, 19:30 Uhr
  • Dienstag, 24. Februar 2026, 19:00 Uhr
  • Freitag, 27. März 2026, 19:30 Uhr
  • Samstag, 11. April 2026, 19:30 Uhr
  • Sonntag, 19. April 2026, 18:00 Uhr
  • Mittwoch, 13. Mai 2026, 19:00 Uhr
  • Freitag, 05. Juni 2026, 19:30 Uhr

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