Der Dresdner Verein Farbwerk e.V. leistet seit 20 Jahren Pionierarbeit für die inklusive Kunst in Dresden. In dieser Zeit hat er sich als Plattform etabliert, auf der Künstlerinnen und Künstler mit und ohne Behinderung professionell zusammenarbeiten. Nun geht der Verein einen entscheidenden Schritt weiter, indem er das erste feste, inklusive Ensemble in Sachsen gründet. Dadurch werden nachhaltige Kulturarbeitsplätze für Menschen mit Lernschwierigkeiten geschaffen – ein bundesweit seltenes und für Sachsen einzigartiges Modell.
Allerdings steht das ambitionierte Vorhaben vor einer großen Hürde, denn die langfristige Finanzierung ist noch nicht gesichert. Trotz breiter Zustimmung und erfolgreicher Kooperationen hängt die Zukunft des Ensembles von einer institutionellen Förderung ab.
Vom sozialen Projekt zum professionellen Kulturbetrieb
Was im Jahr 2006 als kleine, inklusive Theatergruppe begann, ist heute ein fester Bestandteil der Dresdner Kulturszene. Der Farbwerk e.V. hat sich zu einem spartenübergreifend arbeitenden Verein entwickelt, der Angebote in Theater, Tanz, Musik und bildender Kunst schafft. Dabei liegt der Fokus laut der künstlerischen Leitung Jacqueline Hamann klar auf dem künstlerischen Ergebnis und nicht primär auf der sozialen Arbeit.
Der Hauptansatz ist es, ein hochwertiges Kunstwerk zu schaffen. Dieser professionelle Anspruch unterscheidet das Projekt von vielen anderen sozialen Initiativen und bildet die Grundlage für die hohe Anerkennung, die der Verein genießt.
Ein Ensemble für inklusive Kunst in Dresden schafft neue Perspektiven
Mit der Gründung des neuen Ensembles beschreitet der Verein nun völlig neue Wege, denn das Ziel ist die Etablierung künstlerischer Tätigkeit als reguläre berufliche Perspektive. Viele der beteiligten Künstlerinnen und Künstler arbeiteten bisher in Werkstätten für Menschen mit Behinderung. Durch das neue Modell führt ihr Arbeitsweg sie nun nicht mehr in die Werkstatt, sondern direkt auf die Probebühne des Probenzentrums von Farbwerk.
Dieses Ensemble schafft damit echte Kulturarbeitsplätze, was für Menschen mit Lernschwierigkeiten in Sachsen bisher kaum möglich war. Aktuell besteht das Ensemble aus sechs bis sieben Darstellenden und soll bereits im Herbst auf zwölf Mitglieder anwachsen, während langfristig eine weitere Vergrößerung geplant ist.
Der professionelle Anspruch im Probenalltag
Im Probenzentrum wird hochkonzentriert gearbeitet, denn die künstlerischen Ansprüche sind für alle Beteiligten gleich hoch. Der Alltag besteht aus einem strukturierten Mix aus Tanztraining am Vormittag, intensiver Textarbeit und Bewegungsübungen nach Musik, wobei viele Wiederholungen für die nötige Präzision sorgen. Auf den ersten Blick ist oft nicht zu erkennen, wer mit oder ohne Behinderung auf der Bühne agiert.
Der Darsteller Conrad Wiemer, der bereits als Romeo auf der Bühne stand, beschreibt, wie das Theaterspielen seinen Alltag positiv verändert. Während er in seiner Werkstattarbeit viel sitzt, fühlt er sich durch die Arbeit mit Sprache und Bewegung auf der Bühne lebendiger und freier. Auch Ensemblemitglied Luise Scholz, die eine Lehre in einem inklusiven Hotel absolviert, entfaltet auf der Bühne ihre leidenschaftliche Begabung für den Tanz, der für sie ein zentraler Lebensinhalt ist.
Die Hürde der Finanzierung und die wachsende Anerkennung
Trotz der wachsenden Anerkennung und der hohen Nachfrage kämpft der Verein mit einer unsicheren Finanzierungsgrundlage. Erfolgreiche Kooperationen mit renommierten Häusern wie dem Festspielhaus Hellerau und dem Societaetstheater – der neuen festen Spielstätte des Ensembles – belegen die hohe künstlerische Qualität. Dennoch basiert das Budget auf jährlich befristeten Förderungen, was eine langfristige Planung erheblich erschwert.
Zwar bilden kommunale und Landesförderungen die Basis, doch sie reichen bei Weitem nicht aus. So waren im vergangenen Jahr private Spenden in Höhe von rund 40.000 € notwendig, um den Betrieb aufrechtzuerhalten. Für das neue Ensemble ist daher eine institutionelle Förderung durch den Freistaat Sachsen unerlässlich. Die Verantwortlichen betonen, dass sie damit lediglich umsetzen, was in politischen Papieren und der UN-Behindertenrechtskonvention seit Langem gefordert wird.
Mehr als nur Theater: Selbstwirksamkeit und gesellschaftliche Teilhabe
Die Arbeit im Ensemble verändert nicht nur die Kulturlandschaft, sondern auch den Blick der Künstlerinnen und Künstler auf sich selbst. Regelmäßige Proben, Auftritte und die damit verbundene öffentliche Sichtbarkeit fördern Anerkennung und das Erleben von Selbstwirksamkeit. Es wird deutlich, was möglich ist, wenn die Stärken und Ressourcen der Menschen in den Mittelpunkt gestellt werden, anstatt ihre Defizite zu betrachten.
Derzeit probt das Ensemble an zwei Tagen pro Woche. Bald sollen es drei Tage werden, während langfristig eine Vollzeitbeschäftigung das Ziel ist. Zwanzig Jahre nach seiner Gründung hat sich Farbwerk e.V. so zu einem inklusiven Netzwerk mit Strahlkraft weit über Dresden hinaus entwickelt und bleibt weiterhin offen für neue Mitwirkende, die professionelle, inklusive Kunst mitgestalten wollen.
Artikelempfehlung: Bürgermeisterwahl Rodewisch: Schöniger gewinnt deutlich gegen AfD
