Manchmal muss man sich entscheiden: Müllensiefens neuer Roman

Der neue Roman von Domenico Müllensiefen entführt die Leser auf die Autobahnen Europas und mitten in die Zerrissenheit der deutschen Gegenwart. Mit seinem Werk „Manchmal muss man sich entscheiden“ zeichnet der Leipziger Autor ein ebenso raues wie einfühlsames Porträt einer Generation, die nach der Wende im Osten Deutschlands aufgewachsen ist. Im Mittelpunkt steht Sandra, eine Lkw-Fahrerin, deren Leben von schweren Verlusten und persönlichen Krisen gezeichnet ist, während sie versucht, ihren Platz in einer sich rasant wandelnden Welt zu finden.

Sandras Alltag ist ein ständiger Kampf, denn sie muss nicht nur ihre Fracht pünktlich abliefern, sondern auch mit ihrer Trauer und einer Spielsucht ringen. Ihr Partner kam als Bundeswehrsoldat bei einem Einsatz in Afghanistan ums Leben, und auch ihr Vater, der ebenfalls Lkw-Fahrer war, ist tot. Aufgrund dieser Belastungen wächst ihre Tochter Mia bei der Großmutter auf. Eine gemeinsame Tour quer durch Europa soll Mutter und Tochter wieder zusammenbringen, doch diese Reise entwickelt sich zu einer emotionalen Herausforderung.

Generationenporträt der Nachwendezeit

Mit der Figur der Sandra knüpft Domenico Müllensiefen an seine früheren Romane „Aus unseren Feuern“ und „Schnall dich an, es geht los“ an. Zusammengenommen ergeben seine Werke das Bild einer Generation, die sowohl die neugewonnene Freiheit nach 1990 als auch die tiefgreifenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbrüche dieser Zeit erlebte. Eine zentrale Frage, die sich durch den Roman zieht, ist die nach der Prägung durch die eigene Herkunft.

Während Sandra von der aktuellen Politik zutiefst enttäuscht ist, entwickelt sie ein wachsendes Verständnis für ihren Vater. Er hatte ihr einst die ungeschriebenen Gesetze der Straße beigebracht, wollte aber zugleich unbedingt verhindern, dass sie in seine Fußstapfen tritt. Deshalb begann Sandra zunächst eine Ausbildung zur Krankenschwester, die sie jedoch nach kurzer Zeit wieder abbrach, um doch hinter dem Steuer eines Lkws zu sitzen.

Ein Kammerspiel auf Rädern

Die Stärke von Domenico Müllensiefens neuem Roman liegt in seiner präzisen Beobachtungsgabe und den authentischen Dialogen. Ein Großteil der Handlung spielt sich in der engen Fahrerkabine des Lkws ab, wodurch die Beziehung zwischen Sandra und ihrer Tochter Mia intensiv beleuchtet wird. Diese Begrenzung des Raumes erzeugt die dichte Atmosphäre eines Kammerspiels und rückt die inneren Konflikte der Figuren in den Vordergrund.

Aktuelle gesellschaftliche Debatten im Fokus

Der Autor verknüpft Sandras persönliche Geschichte geschickt mit übergeordneten politischen Themen. Ihr Vater hatte in den 1980er-Jahren noch für offene Grenzen gestreikt, doch heute erlebt Sandra die Nachteile des vereinten Europas am eigenen Leib. Sie sieht sich einem harten Wettbewerb durch ausländische Austauschfahrer ausgesetzt, was ihren Arbeitsalltag zusätzlich erschwert und ihren Frust auf die Politik nährt.

Der Roman greift komplexe Entwicklungen in kurzen, prägnanten Szenen und Gedankengängen auf. Müllensiefen geht dem Unmut auf den Grund, den viele Menschen heute empfinden, indem er Themen wie die Wirtschaftskrise, die Debatten um Geflüchtete oder die Frage nach der nationalen Verteidigungsfähigkeit behandelt. Dadurch zielt „Manchmal muss man sich entscheiden“ direkt auf das Herz unserer Gegenwart und liefert wichtige Denkanstöße.

Informationen zum Buch

  • Titel: Manchmal muss man sich entscheiden
  • Autor: Domenico Müllensiefen
  • Verlag: Kanon Berlin
  • Umfang: 192 Seiten
  • Preis: 22,00 €
  • ISBN: 978-3-98568-204-1

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