Inklusion in der Kita: Wie sie gelingt und alle profitieren

In vielen Kindertagesstätten ist Inklusion ein wichtiges Ziel auf dem Papier. Doch wie gelebte Inklusion in der Kita im Alltag aussieht, zeigt die Norderstedter Einrichtung „Buntes Haus“ eindrucksvoll. Hier lernen 110 Kinder mit ganz unterschiedlichen Bedürfnissen und Fähigkeiten vollkommen selbstverständlich zusammen und profitieren voneinander.

In diesem Umfeld ist Vielfalt keine Besonderheit, sondern die tägliche Normalität. Wenn die Kinder gemeinsam singen, begleiten einige ihre Worte ganz natürlich mit Gebärden, während andere nur gestikulieren oder beides kombinieren. Niemand muss dies erklären oder hervorheben, denn es ist für alle ein selbstverständlicher Teil der Kommunikation.

Gelebte Inklusion in der Kita: Mehr als nur ein Konzept

In der „roten Gruppe“ der Einrichtung spielen und lernen 15 Kinder gemeinsam, vier von ihnen haben einen Integrationsplatz. Für diese Kinder bedeutet der Kita-Alltag, frühzeitig soziale Kompetenzen zu entwickeln, die weit über das Übliche hinausgehen. Sie erleben von Anfang an, dass Menschen unterschiedliche Bedürfnisse haben und Unterstützung benötigen können.

Die Heilerziehungspflegerin Paula Hirschfelder erklärt, dass die Kinder dadurch lernen, andere so zu akzeptieren, wie sie sind. Dieses gegenseitige Verständnis und die daraus resultierende Akzeptanz bilden das Fundament für ein funktionierendes, inklusives Miteinander. Die Kinder entwickeln so eine natürliche Empathie und Hilfsbereitschaft.

Selbstständigkeit fördern und gezielt unterstützen

Ein zentrales Ziel der pädagogischen Arbeit ist es, die Selbstständigkeit jedes einzelnen Kindes zu fördern. Ein Beispiel dafür ist der sechsjährige Darian, der versucht, sich allein in seinen Rollstuhl zu setzen. Es ist ein wackeliger Prozess, doch die sozialpädagogische Assistentin Julie Brusendorf ermutigt ihn, es weiter zu probieren.

Sie bietet ihm an, Bescheid zu sagen, wenn er Hilfe benötigt. Diese Vorgehensweise ist bezeichnend: Die Fachkräfte beobachten genau, was ein Kind bereits allein schafft und wo es gezielte Unterstützung braucht. Es geht darum, Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten, anstatt bevormundend einzugreifen.

Kurz darauf zeigt sich, wie dieses Prinzip im Alltag Früchte trägt. Darians Freunde Leano und Jonathan unterstützen ihn dabei, seine ersten Schritte zu üben. Für die beiden Jungen ist es völlig normal, ihm zu helfen, denn das tägliche Miteinander hat sie gelehrt, aufeinander zu achten und sich gegenseitig zu unterstützen.

Steigender Bedarf an integrativen Betreuungsplätzen

Das „Bunte Haus“ betreut insgesamt 110 Kinder, davon 20 in der Krippe und 90 im Elementarbereich. 24 dieser Plätze sind als Integrationsplätze ausgewiesen, um Kindern mit erhöhtem Förderbedarf gerecht zu werden. Auch im Krippenbereich gibt es bereits Kinder, die besondere Unterstützung benötigen.

Nach Einschätzung der Fachkräfte vor Ort steigt der Bedarf an solchen Plätzen spürbar an. Eine mögliche Erklärung dafür ist, dass die Diagnostik heute fortschrittlicher ist, wodurch Förderbedarfe früher erkannt werden. Außerdem haben auch die gesellschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie Spuren hinterlassen, die ein früheres Eingreifen notwendig machen.

Dieser Trend spiegelt sich auch landesweit wider. Laut Sozialministerium gibt es in Schleswig-Holstein inzwischen mehr integrative Gruppen als früher. Von den knapp 1.900 Kitas im Bundesland arbeiten bereits 703 integrativ. Genaue Daten darüber, wie hoch der tatsächliche Bedarf an Plätzen ist, liegen dem Ministerium jedoch nicht vor.

Die Kinderkonferenz: Mitbestimmung aktiv gestalten

Partizipation, also die aktive Mitbestimmung der Kinder, wird im „Bunten Haus“ großgeschrieben. Einmal wöchentlich findet eine Kinderkonferenz statt, bei der die Kinder im Kreis zusammensitzen und ihre eigenen Ideen für den Kita-Alltag einbringen. Dabei geht es um neue Spiele, Ausflugswünsche oder gemeinsame Regeln.

In einer dieser Konferenzen schlug ein Mädchen vor, dass die Erwachsenen für einen Tag die Kinder und die Kinder die Erwachsenen sein sollten. Diese Idee fand sofort breite Zustimmung und wurde von einem anderen Kind direkt ins Protokoll gemalt. Solche Momente zeigen, dass die Wünsche und Vorstellungen der Kinder gehört und ernst genommen werden, was ihr Selbstwertgefühl stärkt.

Ein ganzheitlicher Ansatz seit 50 Jahren

Die Kita „Buntes Haus“ feierte kürzlich ihr 50-jähriges Bestehen und zählt zu den Pionieren der integrativen Pädagogik in Schleswig-Holstein. Was vor fünf Jahrzehnten als visionäres Projekt begann, ist heute ein etabliertes und erfolgreiches Konzept, bei dem Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam aufwachsen und gefördert werden.

Zum ganzheitlichen Ansatz gehört auch die Integration therapeutischer Angebote direkt in der Einrichtung. Angebote wie Logopädie oder Physiotherapie finden direkt im Haus statt, sodass die Kinder ihre vertraute Umgebung nicht verlassen müssen. Dieser Ansatz reduziert Stress, erleichtert den Übergang zwischen Therapie und Kita-Alltag und schafft ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit.

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