Schulsanitätsdienst Schleswig-Holstein: Darum ist er so wichtig

Immer mehr Schülerinnen und Schüler engagieren sich im Schulsanitätsdienst in Schleswig-Holstein und sind damit für den Notfall gewappnet. Sie leisten im Schulalltag qualifizierte Erste Hilfe, übernehmen früh Verantwortung und stärken die Sicherheit für die gesamte Schulgemeinschaft. Dieser positive Trend wird sowohl durch engagierte Hilfsorganisationen als auch durch die Landespolitik aktiv gefördert, weshalb die Zahl der jungen Ersthelfer stetig wächst.

So funktioniert der Schulsanitätsdienst im Alltag

Wenn es an einer Schule zu einem medizinischen Notfall kommt, zählt jede Sekunde. Genau hier kommen die Schulsanitäter ins Spiel. Ein typischer Einsatz beginnt oft mit einer Durchsage, wie sie die 14-jährige Chelsea von der Elsa-Brändström-Schule in Elmshorn kennt. Sie trägt während des Unterrichts ein Funkmikrofon bei sich und wird bei Bedarf direkt aus dem Klassenraum gerufen. Daraufhin streift sie ihre Sanitätsweste über, schnappt sich den Notfallkoffer und eilt mit ihrem Team zum Einsatzort.

Die Aufgaben der jungen Sanitäter sind vielfältig und reichen von der Versorgung kleinerer Wunden bis hin zur Betreuung von Mitschülern mit Kreislaufproblemen. Dabei arbeiten die Schüler stets im Team, wobei jeder eine klare Rolle übernimmt. Während eine Person die Wundversorgung durchführt, misst eine andere den Puls und die Sauerstoffsättigung im Blut. Eine weitere Person führt Protokoll, denn diese Informationen sind entscheidend für die Entscheidung, ob professionelle Rettungskräfte alarmiert werden müssen.

Warum der Schulsanitätsdienst in Schleswig-Holstein wächst

Die Zahl der im Schulsanitätsdienst aktiven Jugendlichen hat sich in den letzten vier Jahren verdoppelt. Allein beim Deutschen Roten Kreuz (DRK), einer der vier großen Ausbildungsorganisationen im Land, waren im Jahr 2025 rund 3.400 Schüler an 168 Schulen aktiv. Dieser Zuwachs ist kein Zufall, sondern das Ergebnis gezielter Förderung. So hat das DRK bereits 2022 eine hauptamtliche Koordinierungsstelle eingerichtet, die das Netzwerk kontinuierlich ausbaut und betreut.

Zudem erhält das Engagement politische Unterstützung von der Landesregierung. Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) betonte die Wichtigkeit der Schulsanitätsdienste im Kontext des allgemeinen Bevölkerungsschutzes. Das Ziel ist es, die sogenannte Selbsthilfefähigkeit der Bevölkerung zu stärken, sodass Menschen auch in Krisensituationen handlungsfähig bleiben. Daher stellt das Land jährlich 70.000 € zur Verfügung, um die Koordination der ehrenamtlichen Helfer zu unterstützen und das Programm weiter auszubauen.

Mehr als nur Pflaster kleben: Ausbildung für den Ernstfall

Die Ausbildung der Schulsanitäter geht weit über grundlegende Erste-Hilfe-Kenntnisse hinaus. In ihrer Grundausbildung lernen die Jugendlichen auch, wie sie sich in größeren Katastrophenlagen verhalten müssen. Hartmut Pflantz, der in Elmshorn 19 Sanitätsgruppen mit insgesamt 235 Schülern leitet und selbst erfahrener Rettungssanitäter ist, hält diese Vorbereitung für unerlässlich. Er trainiert mit den Schülern auch den Umgang mit Ausnahmesituationen wie beispielsweise langanhaltenden Stromausfällen.

Solche Szenarien machen deutlich, wie verletzlich moderne Infrastrukturen sind, denn ohne Strom fallen nicht nur Licht und Heizung aus, sondern auch essenzielle Systeme wie die Wasserversorgung. Durch das Training erwerben die Jugendlichen praktisches Wissen und Kompetenzen, die sie ihr ganzes Leben lang nutzen können. Diese Form der praxisnahen Krisenvorsorge vermittelt Fähigkeiten, die im regulären Schulunterricht oft zu kurz kommen.

Der Nutzen für Schüler und die Schulgemeinschaft

Das Engagement im Schulsanitätsdienst bringt zahlreiche Vorteile mit sich. Für die Schulgemeinschaft bedeutet es ein enormes Plus an Sicherheit. Schulleiter Kevin Amberg berichtet, dass an seiner Schule mit über 1.100 Schülern fast täglich ein Einsatz anfällt, selbst wenn es nur um ein Pflaster oder ein tröstendes Wort geht. Die Anwesenheit der Sanitäter entlastet die Lehrkräfte und stärkt das allgemeine Sicherheitsgefühl sowie den Zusammenhalt.

Für die jungen Helfer selbst ist der Dienst eine prägende Erfahrung. Sie lernen, im Team zu arbeiten, Verantwortung zu übernehmen und in stressigen Situationen einen kühlen Kopf zu bewahren. Diese Erfahrung stärkt das Selbstbewusstsein und das Gefühl der Selbstwirksamkeit. Viele Jugendliche, wie der 13-jährige Lucien, empfinden es als zutiefst befriedigend, anderen Menschen helfen zu können. Für einige ist es sogar ein Anstoß für die spätere Berufswahl, etwa im medizinischen Bereich.

Hohe Unfallzahlen unterstreichen die Notwendigkeit

Statistiken der Unfallkasse Nord belegen, wie wichtig eine schnelle Erstversorgung an Schulen ist. Im Jahr 2024 wurden an den allgemeinbildenden Schulen in Schleswig-Holstein rund 26.000 meldepflichtige Schulunfälle registriert. Als meldepflichtig gilt dabei jeder Vorfall, der eine ärztliche Behandlung nach sich zieht. Die tatsächliche Zahl kleinerer Verletzungen dürfte also noch deutlich höher liegen.

Die meisten Unfälle ereignen sich im Sportunterricht, insbesondere bei Ballspielen. Weitere häufige Ursachen sind Unachtsamkeit, Stürze durch das Kippeln auf Stühlen oder Schnittverletzungen im Werkunterricht. Da die Schulsanitäter oft als Erste am Unfallort sind, verkürzen sie die sogenannte Rettungskette entscheidend. Eine schnelle und kompetente Erstversorgung verbessert die Heilungschancen erheblich und kann schlimmere Folgen verhindern.

Politische Debatte: Erste Hilfe als Schulfach?

Angesichts der positiven Erfahrungen fordern Hilfsorganisationen wie das DRK und auch die Unfallkasse Nord, Erste Hilfe als festen Bestandteil in den Lehrplan aufzunehmen. Sie verweisen dabei oft auf die dänische Studie „Kids save lives“. Diese zeigt, dass bereits kleine Kinder grundlegende Abläufe lernen, ab dem Grundschulalter den Notruf absetzen und ab etwa zehn Jahren wirksame Wiederbelebungsmaßnahmen durchführen können.

Der Vorstoß, lebensrettende Maßnahmen wie Reanimation verbindlich im Unterricht zu verankern, wird breit unterstützt, da er die Allgemeinheit resilienter machen würde. Obwohl die positiven Effekte unbestritten sind und andere Bundesländer bereits entsprechende Schritte planen, gibt es im schleswig-holsteinischen Bildungsministerium derzeit noch keine konkreten Pläne für eine verpflichtende Einführung. Der Schulsanitätsdienst bleibt somit eine wichtige, aber freiwillige Säule der Gesundheitsvorsorge an Schulen.

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