Aufgrund des anhaltenden Winterwetters wurde im Kreis Schleswig-Flensburg eine außergewöhnliche Maßnahme ergriffen. Normalerweise ist es verboten, Wild im Winter zu füttern, doch diese Regelung wurde nun zeitweise ausgesetzt. Diese sogenannte Notzeit soll den Tieren helfen, die harten Bedingungen besser zu überstehen, denn bei hoher Schneedecke und starkem Frost finden sie kaum noch Nahrung.
Auch in der Stadt Flensburg wird nach erneuten Schneefällen über eine solche Ausnahmeregelung diskutiert. Die Entscheidung zeigt, wie flexibel die Behörden auf extreme Wetterlagen reagieren, um das Wohl der Wildtiere zu sichern.
Was bedeutet eine ausgerufene Notzeit?
Eine Notzeit ist eine offizielle Maßnahme, die von den Jagdbehörden eines Landkreises ausgerufen werden kann. Sie hebt das im schleswig-holsteinischen Landesjagdgesetz verankerte Fütterungsverbot für Schalenwild, wie Rehe und Damwild, befristet auf. Dadurch dürfen Jägerinnen und Jäger die Tiere mit geeignetem Futter versorgen.
Die Ausrufung erfolgt nur unter bestimmten Voraussetzungen. Dazu zählen langanhaltende Frostperioden oder eine hohe, vereiste Schneedecke, welche die Futtersuche für die Tiere unmöglich macht. Während dieser Zeit gelten außerdem besondere Einschränkungen für die Jagd, obwohl die reguläre Jagdzeit für Reh- und Damwild ohnehin bereits am 31. Januar endet.
Warum das Wild füttern im Winter erlaubt wird
Die Entscheidung, eine Notzeit auszurufen, treffen die Kreise individuell. Ein entscheidender Grund ist der Schutz der Tiere vor dem Hungertod. Wenn der Schnee so hoch oder verharscht ist, dass die Tiere nicht mehr an Gräser und Kräuter am Boden gelangen, sind ihre Fettreserven schnell aufgebraucht. Besonders sogenannter Harschschnee, eine harte Eisschicht auf dem Schnee, stellt eine große Gefahr dar, da sich die Tiere beim Versuch, die Schicht aufzubrechen, die Läufe verletzen können.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist der Schutz des Waldes. Auf der Suche nach Nahrung fressen hungernde Tiere vermehrt die Knospen und Triebe junger Bäume. Dieser sogenannte Verbiss kann erhebliche Schäden im Forst verursachen und die natürliche Waldverjüngung gefährden. Gezielte Futterstellen können die Tiere daher von diesen sensiblen Bereichen weglocken.
Kontroverse Diskussion: Kritik von Naturschützern
Die Maßnahme ist allerdings nicht unumstritten. Der Naturschutzbund (NABU) äußert Kritik an der Fütterung von Wildtieren im Winter. Ihrer Ansicht nach sind die Tiere von Natur aus gut an kalte Jahreszeiten angepasst. Sie legen sich im Herbst ausreichende Fettreserven an und fahren ihren Stoffwechsel herunter, um Energie zu sparen.
Außerdem argumentieren die Naturschützer, dass ein harter Winter eine natürliche Auslese darstellt. Schwächere oder kranke Tiere überleben diese Zeit oft nicht, was aus ökologischer Sicht zur Gesunderhaltung der gesamten Population beiträgt. Der NABU weist zudem darauf hin, dass die Bestände an Schalenwild in vielen Teilen des Landes ohnehin sehr hoch sind.
Statistiken des Deutschen Jagdverbandes bestätigen dies teilweise. Während die Rehwildbestände in den letzten 25 Jahren auf einem konstant hohen Niveau geblieben sind, haben sich die Damwildbestände im selben Zeitraum mehr als verdoppelt. Mildere Winter und ein besseres Nahrungsangebot durch veränderte Land- und Forstwirtschaft tragen zu dieser Entwicklung bei.
Die Perspektive der Jägerschaft
Kreisjägermeister Horst Bröge betont, dass es den Jägern nicht darum gehe, die hohen Wildbestände durch Fütterung weiter zu erhöhen. Vielmehr soll unnötiges Leid vermieden werden. Die Regulierung der Population solle durch eine verantwortungsvolle Jagd erfolgen und nicht durch den qualvollen Hungertod der Tiere.
Die Jäger, die ihre Reviere genau kennen, können die Situation vor Ort am besten einschätzen. Sie entscheiden, ob und wo eine Fütterung sinnvoll ist. Wichtig ist dabei die richtige Vorgehensweise, denn falsches Futter kann den Tieren mehr schaden als nutzen.
Praktische Tipps und wichtige Verhaltensregeln
Während einer Notzeit ist nicht nur die richtige Fütterung entscheidend, sondern auch das Verhalten von Spaziergängern und Erholungssuchenden. Wildtiere benötigen im Winter vor allem Ruhe, um Energie zu sparen. Jede Flucht verbraucht wertvolle Reserven, die über Leben und Tod entscheiden können.
Daher appellieren Jagd- und Naturschutzverbände gleichermaßen an die Öffentlichkeit:
- Hunde anleinen: Freilaufende Hunde können Wild aufschrecken und zu einer panischen Flucht veranlassen. Im Wald und auf Wiesen sollten sie daher unbedingt an der Leine geführt werden.
- Auf den Wegen bleiben: Verlassen Sie die ausgewiesenen Wege nicht, um die Rückzugsgebiete der Tiere zu respektieren.
- Abstand halten: Beobachten Sie Wildtiere nur aus sicherer Entfernung und beunruhigen Sie sie nicht durch laute Geräusche oder plötzliche Bewegungen.
Die Fütterung selbst sollte ausschließlich von fachkundigen Personen wie den Jägern durchgeführt werden. Sie verwenden spezielles, energiearmes Futter, das auf den reduzierten Stoffwechsel der Tiere im Winter abgestimmt ist. Eine unsachgemäße Fütterung mit Brot oder Küchenabfällen kann zu schweren Verdauungsproblemen und sogar zum Tod der Tiere führen.
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