Der französische Kultfilm „La Haine“ (Hass) prägte vor rund 30 Jahren eine ganze Generation und machte den Schauspieler Vincent Cassel zum Star. Seine Themen wie Rassismus, soziale Ausgrenzung und Polizeigewalt sind heute so aktuell wie damals. Deshalb bringt das Theaterhaus Jena diese brisante Geschichte nun auf die Bühne und schafft mit dem Theaterstück Hass Jena eine zeitgemäße Adaption, die eine Brücke von den Pariser Vorstädten der 90er-Jahre in die Gegenwart schlägt.
Vom Kultfilm zur Bühnenadaption
Der Film von 1995, gedreht in kontrastreichem Schwarz-Weiß, erzählt roh und wütend vom Leben dreier Freunde in einer französischen Banlieue, einem Vorort mit sozialen Spannungen. Die Inszenierung am Theaterhaus Jena greift diese drückende Atmosphäre auf, vermeidet es jedoch, die Handlung einfach nachzuerzählen. Stattdessen dient der Film den Charakteren auf der Bühne als kultureller Bezugspunkt, den sie kennen und immer wieder zitieren.
Einzelne Schlüsselelemente der Filmhandlung werden allerdings übernommen, um die Grundkonflikte zu etablieren. So gab es am Vorabend eine Demonstration, wodurch ein Freund der Protagonisten schwer verletzt im Krankenhaus liegt. Außerdem hat ein Polizist seine Dienstwaffe verloren, was die Situation zusätzlich anheizt und eine Eskalation der Gewalt befürchten lässt.
Authentizität durch lokale Verankerung
Regisseur Daniele Szeredy verlegt den Schauplatz bewusst aus den Pariser Vororten in das Jenaer Plattenbauviertel Lobeda. Dieser Stadtteil wurde gewählt, weil dort unterschiedliche Lebensrealitäten aufeinandertreffen. Einerseits leben dort viele Menschen mit Migrationsgeschichte, während andererseits der Anteil an AfD-Wählern besonders hoch ist. Dadurch entsteht ein Ort voller sozialer Reibungspunkte und Vorurteile.
Um die Lebenswelt vor Ort authentisch darzustellen, führten Studierende der Friedrich-Schiller-Universität Jena Interviews mit den Bewohnern von Lobeda. Aus diesen Gesprächen entstanden die Texte für das Stück, was ihm eine besondere Tiefe und Realitätsnähe verleiht. Die Bühnenausstattung ist minimalistisch gehalten und beschränkt sich auf abgenutzte weiße Plastikbänke, die laut Szeredy ein universelles Symbol für trostlose öffentliche Räume in ganz Europa sind.
Das Theaterstück Hass Jena: Eine moderne Neuinterpretation
Die Produktion ist mehr als nur eine Verlegung der Geschichte; sie ist eine tiefgreifende Neuinterpretation. Während der Film eine Momentaufnahme der 90er-Jahre war, reflektiert das Theaterstück Hass Jena die heutigen gesellschaftlichen Verhältnisse. Die Charaktere sind sich des filmischen Vorbilds bewusst und setzen sich aktiv damit auseinander, wodurch eine Metaebene entsteht.
Sie kennen das brutale Ende des Films und sehen es als warnendes Beispiel für die Spirale aus Gewalt und Gegengewalt. Diese Kenntnis beeinflusst ihr Handeln und ihre Wahrnehmung der eigenen Situation, sodass die Inszenierung eine komplexe Verbindung zwischen Fiktion und Realität schafft.
Mehrsprachigkeit und musikalischer Ausdruck
Als deutsch-griechische Koproduktion zeichnet sich die Aufführung durch ihre Mehrsprachigkeit aus. Auf der Bühne wird Deutsch, Rumänisch und Griechisch gesprochen, während deutsche und englische Übertitel das Verständnis für alle Zuschauer sichern. Dieser Ansatz unterstreicht die europäische und universelle Dimension der behandelten Themen.
Zusätzlich wird die Inszenierung musikalisch vom Schauspieler und Rapper Sorbas begleitet. Er steuert eigene Lieder bei, die er live auf der Bühne performt. Dadurch erhält das Stück einen modernen Soundtrack, der die Wut und die Energie der jungen Protagonisten direkt zum Ausdruck bringt.
Ein universelles Thema neu beleuchtet
Letztlich zeigt Regisseur Daniele Szeredy, dass die im Film dargestellte Marginalisierung bestimmter gesellschaftlicher Gruppen ein zeitloses Problem ist. Die Wut, die aus sozialer Ungerechtigkeit und Ausgrenzung entsteht, kann leicht in Widerstand und Hass umschlagen. Indem das Stück diesen Bogen von den französischen Banlieues ins heutige Jena schlägt, verdeutlicht es die drängende Relevanz dieser Thematik für unsere Gegenwart.
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