Kroatien Handball EM Halbfinale: So gefährlich ist der Gegner

Kroatiens Handballer stehen nach einer kräftezehrenden Europameisterschaft kurz vor ihrem großen Traum: dem ersten EM-Titel der Verbandsgeschichte. Nach zahlreichen Medaillen in Silber und Bronze soll nun endlich Gold folgen, allerdings stellt sich ihnen im entscheidenden Duell ein formstarker Gegner in den Weg. Das Kroatien Handball EM Halbfinale gegen Deutschland verspricht daher Hochspannung, nicht zuletzt wegen des Mannes an der kroatischen Seitenlinie: Trainer Dagur Sigurdsson.

Der Isländer ist in Deutschland kein Unbekannter, denn er führte die deutsche Nationalmannschaft im Jahr 2016 sensationell zum EM-Titel. Sigurdsson weiß also genau, wie man große Turniere gewinnt und welche Mentalität es dafür braucht. Seine Erfahrung ist für Kroatien von unschätzbarem Wert, zumal er das Team bereits 2025 ins WM-Finale führte, wo es nur knapp an Dänemark scheiterte.

Dagur Sigurdsson und die Mentalität der „Bad Boys“

Dagur Sigurdssons Trainerphilosophie passt perfekt zur kroatischen Mannschaft. Während er dem deutschen Team 2016 erst eine gewisse Aggressivität und Härte einimpfen musste, bringt das kroatische Team diese Eigenschaften von Natur aus mit. Die kroatische Spielweise ist geprägt von einer robusten Defensive und einem ständigen Balanceakt an der Grenze des Erlaubten, was sie zu idealen Kandidaten für den von Sigurdsson geprägten Spitznamen „Bad Boys“ macht.

Diesen Namen gab der Isländer damals der deutschen Auswahl, weil er fand, die Spieler seien „ein bisschen zu lieb“. Mit Andreas Wolff, Rune Dahmke und Jannik Kohlbacher sind sogar noch drei Akteure aus jener goldenen Generation im aktuellen deutschen Kader. Der psychologische Kniff funktionierte damals hervorragend und ist längst Handball-Geschichte. Um ein ähnliches Kunststück nun mit Kroatien zu wiederholen, scheint Sigurdsson alle Register zu ziehen und heizte seinem Team mit einer emotionalen Pressekonferenz vor dem Halbfinale zusätzlich ein.

ARD-Experte Johannes Bitter beschreibt die Konstellation treffend, indem er Sigurdsson als den „Big-Bad-Boy“ bezeichnet, der sein Team als Vize-Weltmeister befreit aufspielen lassen kann. Dadurch, dass Kroatien als leichter Außenseiter in die Partie geht, kann die Mannschaft ohne den ganz großen Druck agieren und es Deutschland umso schwerer machen. Die Vorzeichen für einen echten Handball-Krimi stehen also gut.

Schwierige Bedingungen schweißen das Team zusammen

Der Weg Kroatiens ins Halbfinale war alles andere als ein Spaziergang und von einigen Hindernissen geprägt. Im Vergleich zum deutschen Team hatte die Mannschaft von Sigurdsson weniger Regenerationszeit und musste zudem größere Reisestrapazen auf sich nehmen. Diese Umstände sorgten zwar für Frust, schweißten die Mannschaft aber noch enger zusammen und entfachten eine Jetzt-erst-recht-Mentalität, die sie im Turnierverlauf immer gefährlicher machte.

Schon in der Gruppenphase in Malmö tat sich das Team gegen vermeintlich schwächere Gegner wie Georgien oder die Schweiz schwer. Nur beim knappen 30:29-Erfolg gegen den ebenfalls starken Halbfinalisten Island konnte die Mannschaft ihr volles Potenzial abrufen. Dass es dem Team trotz einer durchwachsenen Leistung gelungen ist, sich bis in die Runde der letzten Vier zu kämpfen, wirkt fast paradox, unterstreicht aber eindrucksvoll den unbändigen Kampfgeist dieses Kollektivs.

Personalsorgen im Rückraum: Wer ersetzt den verletzten Srna?

Eine große Herausforderung für das Kroatien Handball EM Halbfinale sind die personellen Sorgen, die das Team plagen. Besonders der Ausfall von Leistungsträger Zvonimir Srna wiegt schwer. Der Rückraumspieler vom französischen Topklub Montpellier spielte eine herausragende Europameisterschaft und war bis zu seiner Verletzung mit 28 Toren in sechs Spielen der treffsicherste Werfer seines Teams. Im Hauptrundenspiel gegen Slowenien passierte dann der Schockmoment: Srna verletzte sich in der 39. Minute bei einer Wurfbewegung ohne gegnerische Einwirkung.

Die Diagnose war niederschmetternd, denn ein Muskelriss im Adduktorenbereich bedeutete das sofortige EM-Aus für den wichtigen Angreifer. Sein Fehlen stellt eine erhebliche Schwächung für die kroatische Offensive dar. Außerdem sucht auch Superstar Ivan Martinovic noch nach seiner absoluten Top-Form. Der Linkshänder, der als einer von drei Kandidaten für den Titel des Welthandballers 2025 nominiert war, ist zwar bester kroatischer Torschütze des Turniers, doch seine Trefferquote ist ausbaufähig.

Martinovic hatte in den vergangenen Monaten immer wieder mit Verletzungen zu kämpfen, darunter eine Patellasehnenverletzung. Diese Blessuren verhinderten, dass er in einen richtigen Spielrhythmus kam. Obwohl er eine zentrale Figur im kroatischen Spiel ist, agiert er noch mit angezogener Handbremse, was die Abhängigkeit von anderen Spielern umso größer macht.

Die Stärke des Kollektivs als Schlüssel zum Erfolg

Wer nun aber denkt, Kroatien würde angesichts der Rückschläge resignieren, kennt die Mentalität des Teams schlecht. Ähnlich wie die deutsche Mannschaft definiert sich Kroatien stark über das Teamgefüge und einen tief besetzten Kader. Während Kapitän Martinovic seine Bestform sucht, sind andere Spieler in die Bresche gesprungen und haben eindrucksvoll bewiesen, welche Qualität in der zweiten Reihe steckt.

Vor allem das Duo Tin Lucin und Luka Klarica spielte sich zuletzt in den Vordergrund. Obwohl sie als Ergänzungsspieler nur begrenzte Einsatzzeiten erhielten, erzielten sie in den letzten beiden Partien zusammen 17 Tore. Ihre Effizienz war ein entscheidender Faktor dafür, dass sich Kroatien den ersten Tabellenplatz in seiner Hauptrundengruppe sichern konnte. Diese Leistungen zeigen, dass die Mannschaft in der Lage ist, auch empfindliche Ausfälle als Kollektiv zu kompensieren.

Der Blick auf den Gegner: Wie Deutschland Kroatien knacken kann

Die beiden Testspiele kurz vor Turnierbeginn geben aus deutscher Sicht Anlass zur Hoffnung, denn das DHB-Team konnte beide Partien mit 33:27 und 32:29 für sich entscheiden. In diesen Begegnungen verloren die Kroaten phasenweise den Faden und wirkten frustriert. Von der Kämpfermentalität, die sie später im Turnier auszeichnete, war damals noch wenig zu sehen.

Ein weiterer Anhaltspunkt für die deutsche Mannschaft könnte die Vorrundenpartie der Kroaten gegen Schweden sein. Dort unterlag das Sigurdsson-Team deutlich, weil der schwedische Torhüter Andreas Palicka die kroatischen Werfer zur Verzweiflung brachte. Genau auf dieser Position ist Deutschland mit Andreas Wolff, einem der letzten verbliebenen „Bad Boys“ von 2016, ebenfalls erstklassig besetzt. Ein Torhüter in Top-Form könnte daher auch im Halbfinale der entscheidende Schlüssel zum Sieg gegen die kämpferische Truppe aus Kroatien sein.

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