Im professionellen Skisport entscheiden oft nur Hundertstelsekunden über Sieg oder Niederlage. Während Athleten an ihrer Technik und Linienwahl feilen, arbeiten Materialentwickler im Hintergrund an jedem noch so kleinen Detail. Dabei rückt neben Ski und Bindung auch der Renndress in den Fokus – und überraschenderweise dessen Farbe. Die gezielte Abstimmung von Renndress, Farbe und Aerodynamik kann Sportlern den entscheidenden Vorteil verschaffen.
Seit Jahrzehnten optimiert Swiss-Ski die Anzüge seiner Athletinnen und Athleten, um den Luftwiderstand zu minimieren. Für die Olympischen Spiele wird traditionell ein neues, werbefreies Design entwickelt, weshalb die Forschung hier besonders intensiv ist. Ein aktuelles Projekt untersucht systematisch den Einfluss der Farbgebung auf die Geschwindigkeit.
Der Windkanaltest: Dunkel gegen Hell
Um herauszufinden, welche Farbe die schnellste ist, führte das Technologieteam von Swiss-Ski aufwändige Tests im Windkanal durch. Als Testobjekte dienten zwei Extreme: ein komplett weißer und ein sehr dunkelblauer Renndress. Testfahrer mussten dabei in der typischen Abfahrtshocke verharren, während der Wind mit Geschwindigkeiten von 80, 100 und sogar 120 km/h an ihnen vorbeiströmte.
Die Messergebnisse zeigten einen klaren, wenn auch geringen Unterschied. Der weiße Anzug erzeugte messbar weniger Luftwiderstand als der blaue. Obwohl die Differenz unter einem Prozent liegt, kann sie im Wettkampf enorme Auswirkungen haben. Auf einer langen Abfahrtsstrecke wie dem Lauberhorn könnte dieser minimale Vorteil einen Zeitgewinn von über einer Sekunde bedeuten.
Renndress, Farbe und Aerodynamik: Das Geheimnis der Pigmente
Die Ursache für diesen Geschwindigkeitsunterschied liegt auf mikroskopischer Ebene und ist für das bloße Auge unsichtbar. Um einen Stoff zu färben, werden Farbpigmente auf die Oberfläche des Gewebes aufgetragen. Diese winzigen Partikel verändern die Oberflächenstruktur des Materials, denn sie machen es minimal rauer.
Der weiße Grundstoff ist in seiner reinen Form glatter, da er keine zusätzlichen Farbpigmente enthält. Folglich gleitet die Luft mit weniger Widerstand über die Oberfläche. Jede aufgedruckte Farbe erhöht hingegen die Rauheit und bremst den Fahrtwind geringfügig ab. Dieser Effekt ist entscheidend für die Aerodynamik, weil schon kleinste Verwirbelungen an der Oberfläche den Gesamtwiderstand erhöhen.
Strategisches Design für maximale Geschwindigkeit
Dieses Wissen nutzt Swiss-Ski gezielt für die Gestaltung der neuen Olympia-Anzüge. Anstatt den gesamten Dress in der schnellsten Farbe zu halten, wählten die Entwickler einen strategischen Ansatz. Der neue rot-weiße Anzug ist deshalb nicht nur ein optisches Statement, sondern auch ein technisches Meisterwerk.
Die weißen Stoffpartien sind exakt an den Stellen platziert, die dem Fahrtwind am stärksten ausgesetzt sind, wie beispielsweise Schultern, Arme und Oberschenkel. An weniger exponierten Stellen kommt hingegen die rote Farbe zum Einsatz. Durch diese gezielte Anordnung wird der aerodynamische Vorteil maximiert, ohne auf ein ansprechendes Design verzichten zu müssen. Ein optimaler Renndress kann im Vergleich zu einem schlechteren Modell einen Vorsprung von bis zu zwei Zehntelsekunden bringen.
Eine lange Tradition der Optimierung
Die Perfektionierung von Rennanzügen im Windkanal ist allerdings keine neue Erfindung. Bereits in den 1970er-Jahren profitierten Skilegenden wie Bernhard Russi und Marie-Theres Nadig von aerodynamischen Tests, um wertvolle Zeit zu gewinnen. Seither hat sich die Technologie stetig weiterentwickelt.
Vom kultigen „Käsedress“ der 1990er-Jahre bis zum heutigen Hightech-Anzug „Levada“, der mithilfe von Körperscans und verklebten Spezialstoffen perfektioniert wurde, ist die Suche nach dem schnellsten Material ein fortlaufender Prozess. Die Erkenntnis über den Einfluss der Farbe ist somit der nächste logische Schritt in dieser technologischen Evolution.
Artikelempfehlung: Farbe Skianzug Geschwindigkeit: Darum macht Weiß im Rennen schneller
