Das Jurastudium in Deutschland ist bekannt für seine hohen Anforderungen und das gefürchtete Staatsexamen. Wer diese letzte Hürde nicht nimmt, steht trotz jahrelanger intensiver Arbeit oft mit leeren Händen da, denn ohne bestandenes Examen gibt es keinen Abschluss. Um diese Situation zu verbessern, plant Schleswig-Holstein die Einführung eines neuen Jura-Bachelors, der Studierenden ein wichtiges Sicherheitsnetz bieten soll.
An der Christian-Albrechts-Universität (CAU) in Kiel beginnen jährlich etwa 400 junge Menschen ihr Jurastudium, doch weniger als die Hälfte schließt es erfolgreich ab. Diese hohe Abbruch- und Durchfallquote verdeutlicht den enormen Druck, der auf den Studierenden lastet. Das traditionelle System ist ein „Alles-oder-Nichts-Prinzip“, bei dem am Ende nur das Staatsexamen zählt.
So funktioniert der neue Jura-Bachelor
Der geplante Bachelor of Laws ist kein eigenständiger Studiengang, sondern wird in das bestehende Jurastudium integriert. Studierende, die alle universitären Prüfungen erfolgreich absolviert und damit die Zulassungsvoraussetzungen für das Erste Staatsexamen erworben haben, erhalten automatisch diesen Abschluss. Dadurch wird ihre bis dahin erbrachte Leistung offiziell anerkannt, selbst wenn sie sich gegen das Staatsexamen entscheiden oder es nicht bestehen.
Das Konzept ist nicht neu, denn viele andere Bundesländer wie Mecklenburg-Vorpommern bieten bereits einen solchen integrierten Bachelor an. Mit diesem Schritt will Schleswig-Holstein also nicht nur die Studierenden entlasten, sondern auch als Studienstandort wettbewerbsfähig bleiben. Dies ist besonders wichtig, da in den kommenden Jahren eine Pensionierungswelle auf den juristischen Arbeitsmarkt zurollt und qualifizierter Nachwuchs dringend gebraucht wird.
Ein Sicherheitsnetz gegen den Prüfungsdruck
Die größte Hoffnung liegt darin, den enormen psychischen Druck zu reduzieren, der mit dem Staatsexamen verbunden ist. Viele Studierende bereiten sich über ein Jahr lang intensiv auf diese eine Prüfung vor. Das Scheitern hat oft weitreichende Konsequenzen, wie das Beispiel einer ehemaligen Studentin zeigt: Nach fünf Jahren Studium und bestandenen Universitätsprüfungen scheiterte sie im staatlichen Teil und fand anschließend trotz hoher Kompetenz keine Anstellung, weil der formale Abschluss fehlte.
Der Bachelor of Laws fungiert hier als wichtiges Auffangnetz. Mit einem akademischen Grad in der Tasche können Studierende gestärkter und mit weniger Existenzangst in die Examensprüfungen gehen. Justizministerin Kerstin von der Decken hofft, dass dadurch sogar die Zahl der erfolgreichen Absolventen der klassischen Juristenausbildung steigen könnte, weil der Prüfungsstress abnimmt.
Neue Karrierewege auch ohne Staatsexamen
Für die klassischen juristischen Berufe wie Richter, Staatsanwalt oder Rechtsanwalt bleiben die beiden Staatsexamen weiterhin zwingende Voraussetzung. Der Bachelorabschluss eröffnet jedoch wertvolle alternative Karrierepfade. Absolventen mit einem Bachelor of Laws sind auf dem Arbeitsmarkt sehr gefragt, beispielsweise in der öffentlichen Verwaltung, in Unternehmen, Verbänden oder bei Versicherungen.
Dort werden juristisch fundierte Kenntnisse benötigt, ohne dass eine Befähigung zum Richteramt erforderlich ist. Außerdem ermöglicht der Bachelor den Zugang zu weiterführenden Master-Studiengängen, wodurch sich die Studierenden weiter spezialisieren können. Die jahrelange Ausbildung ist somit in keinem Fall mehr vergebens.
Zeitplan und weitere Modernisierungspläne
Die studentische Fachschaft der CAU Kiel fordert die Einführung des Bachelors bereits seit rund fünf Jahren. Nun soll es schnell gehen: Noch in diesem Jahr soll der entsprechende Gesetzentwurf fertiggestellt werden. Spätestens ab 2027 soll der Abschluss dann regulär an der Universität erworben werden können.
Eine wichtige Diskussion dreht sich um die rückwirkende Anerkennung. Es wird geprüft, ob auch ehemalige Studierende, die den universitären Teil bereits abgeschlossen haben, nachträglich den Bachelor beantragen können. Die Studierendenvertretung setzt sich für eine möglichst weitreichende Regelung ein, um auch frühere Jahrgänge zu unterstützen.
Allerdings reicht der Bachelor allein nicht aus, um das Studium umfassend zu modernisieren. Eine weitere große Forderung ist die Einführung eines digitalen Examens. Derzeit müssen die bis zu sieben fünfstündigen Klausuren des Ersten Staatsexamens von Hand geschrieben werden, was eine enorme körperliche Belastung darstellt. Während das „E-Examen“ im Zweiten Staatsexamen bereits Realität ist, wird über eine Einführung für die erste Prüfung zwischen Fakultät und Justizministerium noch beraten.
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